Freitag, 02.05.2008
Gesehen: Sherlock Holmes - Der Seidenstrumpfmörder
Kriminalfilm von Simon Cellan Jones, GB 2004, 98m53s (PAL)
Mit Rupert Everett, Ian Hart, Rachel Hurd-Wood u.a.
DVD (KSM), Ton: Englisch DD 2.0, Bild: 1,78:1 anamorph.
Keine literarische Figur wurde so oft verfilmt wie Sherlock Holmes. Der in vier Romanen und 56 Kurzgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle zwischen 1887 und 1927 auftretende Detektiv hatte seinen ersten filmischen Auftritt bereits im Jahr 1900, der hier zu besprechende TV-Film aus dem Jahr 2004 stellt bisher seinen jüngsten und letzten Auftritt dar. Zwar war die Figur des Sherlock Holmes inzwischen schon wieder in einigen anderen Filmen zu sehen, dieser „Seidenstrumpfmörder“ hier ist aber der bisher letzte ‚Sherlock Holmes’-Film im engeren Sinne - was erfahrungsgemäß sicherlich nicht lange so bleiben wird. Für diese BBC-Produktion aus dem Jahr 2004 war in Teilen das gleiche Team verantwortlich, wie für die „Hund von Baskerville“-Neuverfilmung von 2002. Bei diesem „Seidenstrumpfmörder“ handelt es sich allerdings, insofern ist die Ankündigung auf dem DVD-Cover etwas verwunderlich, nicht um eine „sensationelle Neuverfilmung“ eines bekannten Conan Doyle-Stoffes, der Film bedient sich lediglich der Figuren und erzählt eine gänzlich neue und somit nicht von Conan Doyle erdachte Geschichte.Dies muss grundsätzlich ja keine schlechte Idee sein, zumal die Herangehensweisen an Conan Doyles Stoffe nun wirklich Legion sind und gerade die letzten beiden, schmerzlich überflüssigen „Hund von Baskerville“-Neuverfilmngen von 2000 (mit Matt Frewer, aus Kanada) und 2002 (die oben erwähnte BBC-Verfilmung) zumindest auch nahe legen, dass man auch gänzlich neuen Stoffen mal eine Chance geben sollte.
Sherlock Holmes muss diesmal eine Mordserie an jungen Mädchen aus den besten Kreisen aufklären, denen ein Mörder immer die Seidenstrümpfe auszieht um ihnen den einen in den Mund zu stopfen und sie mit dem anderen zu erdrosseln, wobei er den Opfern jeweils die Kleider des Vorgänger-Opfers anzieht.
Auch wenn es bereits andere Holmes-Filme gab, in denen er abseits von Conan Doyle-Geschichten Mordserien aufzuklären hatte, der berühmteste vielleicht „A Study in Terror“ (dt. ‚Sherlock Holmes größter Fall’)von 1965, merkt man diesem Film hier doch deutlich an, dass er vom Serienkiller-Kino der 90er beeinflusst ist mit seinen kinky-elaborierten, manischen Tötungen, die immer einem gewissen Muster folgen; das Kino, das uns alle zu Freizeit-Profilern gemacht hat, was den Erfolg von u.a. den CSI-Serien erklärt, von denen man ebenfalls Echos in diesem Film zu verspüren scheint.
Auch wenn sich das nicht sehr nach Conan Doyle anfühlt, ist das sicherlich trotzdem ein brauchbarer Stoff für unseren hochgeschätzten Meisterdetektiv. Leider stellt sich aber heraus, dass das Drehbuch von Allan Cubitt zum 2002er-„Hund von Baskerville“ der BBC keine Ausnahme war, er zeichnet auch in diesem Film für das Script verantwortlich und beweist zum zweiten Mal, dass Drehbuchschreiben nicht seine vornehmste Eigenschaft ist. Dass dieser „Seidenstrumpfmörder“ trotzdem durchaus hinreichend unterhaltsam und spannend ausgefallen ist, liegt sicherlich nicht am Buch, dass in der Ausbreitung und Aneinenderreihung der Indizien und der Konstruktion des Falles bemerkenswert wenig Raffinesse an den Tag legt und dann das Publikum mit einer Auflösung schockiert, die derartig einfallslos, konstruiert und an den Haaren herbei gezogen wirkt und so routiniert abgespult wird, dass der Film darunter sichtlich leidet.
Ein Glück, dass davon viele Elemente ablenken können, denn es wurde ein erfreulicher Aufwand mit diesem Film betrieben, was sich in schönen Bauten, Kostümen und Massenszenen (auf Einladungen etc.) äußert. Für Tempo und Stimmung sorgt auch die lebendige Inszenierung von TV-Veteran Simon Cellan Jones, der insbesondere Dialogszenen häufig wie John Woo mit sich ständig bewegender Kamera auflöst und ein weit überdurchschnittlicher, hörenswerter, enthusiastischer Violin-Score von Adrian Johnston.
In der Haupt- und Titelrolle ist diesmal Rupert Everett zu sehen, der einen etwas anderen Holmes als sonst gibt, dabei aber (noch?) nicht eine gute Balance findet. Seine lässige Unnahbarkeit als verkanntes Genie über seinen Zenit hinaus (Holmes ist am Anfang des Films in ‚Rente’ und setzt sich erst mal wieder einen Schuss) hat er so unnahbar und kalt in einigen Szenen angelegt, dass man sich zum einen fragt, warum Holmes das alles überhaupt noch interessiert und zum anderen, Himmel, ihn als Täter nicht völlig ausschließen kann (nein, keine Sorge, so schlimm kommt es am Ende dann doch nicht..). Trotzdem würde man Everett gerne noch ein paar Mal als Holmes sehen, sein physische Präsenz und intensive Darstellung bekommen dem Charakter stellenweise durchaus gut und nicht nur, wenn er typische Holmes-Manierismen durchexerzieren muss wie Geige spielen, koksen und „Elementary, ..“ aufsagen. Die anderen Darsteller agieren solide, wobei Ian Hart als Dr. Watson in manchen Szenen etwas unscheinbar wirkt, auch wenn er diesmal sogar heiraten(!) darf.
In der kurzen Reihe der aktuellen BBC Sherlock Holmes-Filme Anfang dieses Jahrzehnts stellt der „Seidenstrumpfmörder“ eine klare Steigerung gegenüber der völlig missglückten „Baskerville“-Neuinterpretation dar und erfreut Auge und Ohren durch Aufwand, schöne Musik, Tempo und einige Darstellerleistungen, hier wäre mit einem besseren Drehbuch aber deutlich mehr möglich gewesen. Holmes-Fans, die einen schlecht konstruierten und aufgelösten Kriminalfall hinreichend nachsehen können, dürften trotzdem ein wenig Freude mit dem Film haben.
Punkte: 6/10.
Die DVD von KSM bietet die deutschen und englischen Sprachspuren in DD 2.0, ein ganz ordentliches Bild und einige Texttafeln zu den Darstellern, Conan Doyle und seiner Figur.
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Cover: KSM/BBC
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Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Europa
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