Sonntag, 10.06.2007
Gesehen: Nathan der Weise
Mit Werner Krauss, Fritz Greiner, Bella Muzsnay u.a.
DVD (Ed. Filmmuseum), Ton: Musikbegleitung DD 2.0 mono, Bild: 1,33:1 Vollbild.


Der Regisseur Manfrea Noa ist heute praktisch vergessen. Dabei hat dieser Anfang der zwanziger Jahre einige bemerkenswerte Monumentalfilme gedreht, wie diese einzige, recht freie Kino-Adaption von Lessings berühmtem Theaterstück. Die Geschichte spielt zeitlich da, wo Scotts ?Königreich der Himmel? aufhörte: Im 12. Jahrhundert hat Sultan Saladin Jerusalem erobert und der (von Lessing nach dem Vorbild Moses Mendelssohns erdachte) Jude Nathan vermittelt zwischen den drei Religionen, darunter mit der berühmten Ring-Parabel, die visualisiert ist wie in einem Lotte Reiniger-Werk.
Der Film wartet mit teilweise verblüffend aufwändigen Massen- und Schlachtszenen (gedreht in München) auf, die Inflation macht es möglich, wobei Noa nicht immer sich als perfekter Arrangeur der Menschenmassen zeigt und auch andere Szenen manchmal etwas schwerfällig wirken. Beeindruckend aber die Schauspieler und der schon bei Lessing vorhanden Humanismus, sowie das Werben für Toleranz; die Schlussszene wird man so schnell nicht vergessen.
Hochspannend der Werdegang des Films: 1922 von den Nazis angefeindet und in Müchen deshalb praktisch nicht aufgeführt, nach dem jähen Tod des Regisseurs (er starb 1930 an einer Bauchfellentzündung) und Hitlers Machtergreifung in Vergessenheit geraten, 1996 in einem Moskauer Filmarchiv wiederentdeckt, restauriert, und nun auf einer vorbildlichen DVD erhältlich und konserviert für die nächsten hundert Jahre. Das Bild ist trotz altersbedingter Kratzer sehr gut und viragiert. Anwählbar sind zwei verschiedene Musiktonspuren, eine mit Violine und Flügel, eine mit Klavierbegleitung. Ein Vergleich lohnt hier, da beide interessante Lösungen anbieten. Kein perfekter Film, für filmhistorisch Interessierte aber trotzdem ein Pflichtkauf.
Punkte: 7/10.
---
Cover, Bild: Edition Filmmuseum.
Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Europa
Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden. Kommentieren?




