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Montag, 23.04.2007

Gesehen: Payback

Kinofassung & Director's Cut


Payback: Straight Up - The Director's Cut
Thriller von Brian Helgeland, USA 1999/2006, 90m5s (NTSC)
Mit Mel Gibson, Maria Bello, Lucy Liu u.a.
DVD (Paramount/USA), Ton: Englisch DD 5.1., Bild: 2,35:1 anamorph.


Payback - Zahltag
(OT: Payback)
Thriller von Brian Helgeland, USA 1999, 97m3s (PAL)
Mit Mel Gibson, Maria Bello, Lucy Liu u.a.
DVD (Warner), Ton: Englisch DD 5.1., Bild: 2,35:1 anamorph.


Zweite Verfilmung, nach "Point Blank" (1967), von Richard Starks Roman "The Hunter".

So häufig ist das nicht:

Endlich mal ein Director?s Cut, der wirklich substanziell anders als die bekannte Kinofassung geraten ist und zu einem spannenden und lehrreichen Vergleich einlädt.

Bei dieser Besprechung ist sehr viel zu erzählen.

I. Regisseur Brian Helgeland ist eigentlich eher ein in Hollywood angesehener Drehbuchautor, der es 1998 schaffte, gleichzeitig (mehr als verdient) einen Oscar zu gewinnen, für den brillanten Krimi ?L.A.Confidential?, und (unverdient) eine goldene Himbeere für das stark unterschätzte SF-Epos ?Postman? von Kevin Costner.
Nach wie vor häufig als Drehbuchautor tätig, nahm er auch schon drei Mal auf den Regiestuhl Platz. Für den hier zu besprechenden ?Payback?, sowie für das Teenie-Epos ?Ritter aus Leidenschaft? (A Knights Tale, 2001) und bei dem von der Kritik meist verrissenen Vatikan-Exorzismusthriller ?Sin Eater? (The Order, 2003).

II. Als Helgeland 1998 seinen Cut von ?Payback? ablieferte, war man bei den beiden produzierenden Studios und Icon Pictures, Mel Gibsons Produktionsfirma, die auch ?Payback? produzierte, sehr unzufrieden. Helgelands Cut war nicht sehr kommerziell und zugänglich ausgefallen, trotz einem Star wie Mel Gibson. In den Featurettes auf der DVD wird die schöne Anekdote erzählt, dass Paramounts Studio-Chefin Sherry Lansing das wie folgt ausdrückte: ?Lassen sie mich zusammenfassen: Der Held bekommt sein Geld nicht, es ist am Ende unklar, ob er überlebt, und sie töten im Film den Hund?!?
Nach einigem hin und her verließ Helgeland den Film und Mel Gibsons Produktionsfirma ließ für viele Millionen Dollar einige Teile neu inszenieren und umschneiden - und in dieser veränderten Fassung kam ?Payback? 1999 in die Kinos und wurde zu einem moderaten Erfolg, spielte er doch immerhin gut 160 Millionen Dollar weltweit ein und verkaufte sich auch auf DVD sehr ordentlich.

III. Im Jahr 2005 ging Mel Gibsons Produktionsfirma auf Regisseur Helgeland zu und bot ihm die Mittel dafür an, seine Version des Films fertig zu stellen. Hintergrund ist sicherlich nicht nur, dass Mel Gibson auch Helgelands Version mochte, sondern vor allem, dass man mit veränderten Filmfassungen auf DVD viel Geld verdienen kann. Helgeland machte sich somit an die Arbeit, schnitt den Film in seinem Sinne um (wobei er einiges anders machte als wie er sich 1999 entschieden hätte) und stellte diese Version 2006 fertig. Sein fertiger Cut war, im Gegensatz zu sonstigen Alternativfassungen nicht länger, sondern sogar 11 Minuten kürzer* als die Kinofassung und kam im Frühjahr diesen Jahres in den USA als DVD auf den Markt.

IV. (Mega-Spoiler!)
a. Zu den Änderungen zwischen Kinofassung und Director?s Cut findet man verstreut über das Netz sehr viele Informationen, so hat z.B. Schnittberichte.com einen sehr detaillierten Schnittbericht veröffentlicht, hier soll sich für alle die, die einen zwar halbwegs vollständigen, aber übersichtlichen Überblick wünschen, das Wichtigste knapp zusammen gefasst werden: Helgelands Cut ist ein wesentlich düsterer Film als die Kinofassung und unterscheidet sich nicht nur in vielen Einzelszenen, sondern auch im Tonfall. Zu letzterem gleich. Der Director?s Cut verzichtet auf das Voice Over von Mel Gibson und auf den Prolog bei dem Arzt, so dass man zunächst nicht weiß, dass Porter (Gibson) aufs Kreuz gelegt wurde ? was insbesondere eine der wesentlichen Änderungen so noch schockierender macht: Porter verprügelt seine Frau (Deborah Kara Unger). Während er in der Kinofassung nur die Tür eintritt und sie dann ins Bett bringt, sieht man im Director?s Cut ein längeres Gespräch in der Küche, in welchem schnell die Fäuste fliegen und sie ordentlich einstecken muss (Unger selbst sagt im Interview, dass seine Frau das verdient hätte, schließlich hätte sie ihm vorher drei Mal in den Rücken geschossen, was er nur wie ein Wunder überlebte) Da die Szene erst später richtig motiviert wird, wirkt sie für eine Studioproduktion ungewöhnlich düster und brutal. Ferner verzichtet der Director?s Cut auf einige der humorvolleren Einlagen, so ist Lucy Lius S/M-Neigung hier reduziert und dient nicht mehr nur für Gags und, allen Ernstes, wenn Gibson prügelt und mordet, lächelt er weniger als in der Kinofassung, so dass die angestrebte nähe zu seinem Charakter Riggs aus der ?Lethal Weapon?-Serie nicht so gegeben ist.

b. Die wesentlichen Unterschiede zwischen Kinofassung und Director?s Cut sind dann ein Lehrstück in Sachen ?Zugänglichkeit?. Im jetzt zu sehenden Director?s Cut stirbt der Hund von Porters Ex-Geliebten (Maria Bello) durch den Schuss von Val (Gregg Henry), und Porter (Mel Gibson) kommt eigentlich nur so weit obwohl er recht planlos agiert, weil er sturer (was mehr als in der Kinofassung an das Original "Point Blank" erinnert), zielstrebiger und brutaler als seine Gegner agiert, die von einer anonymen, kalt klingenden Frauenstimme angeführt werden. Beim Finale in einer Hochbahnstation (fehlt in der Kinofassung komplett bzw. ist vollständig anders) kommt es bei der Geldübergabe zu einem blutigen Schusswechsel, in welchem er mehrmals getroffen wird ? und am Ende erfahren wir nicht, ob er die vielen Wunden überlebt..
Wie macht man das kommerzieller? Die Antwort gibt die Kinofassung: Der Hund kommt zum Tierarzt und überlebt, es werden zwei kassenträchtige Explosionen eingebaut (immer gut, wenn etwas explodiert, diese kommen im DC überhaupt nicht vor), Gibson agiert wesentlich verschmitzter, statt einer anonymen Frauenstimme bekommt man nun mit Kris Kristoffersen einen konkreten Widersacher präsentiert und im Finale agiert unser Held wesentlich planvoller und gewinnt am Ende fast unverletzt.

c. Die Unterschiede zwischen beiden Fassungen äußern sich aber nicht nur durch unterschiedliche Szenen, beide Versionen fühlen sich auch völlig unterschiedlich an. Während die Kinofassung durch einen extremen Blaufilter und einen beschwingten Score eine verspielte Neo-Noir Atmosphäre atmet und damit zumindest motivisch an die Film Noir-Serie anknüpft, sucht der Director?s Cut durch das Entfernen des Blaufilters und ganz leicht blasse, aber natürliche Farben und einen komplett neuen Score die Nähe zum harten, eher realistischen Thriller der 70er. Dies führt insgesamt zu dem Effekt, dass die Kinofassung mehr in einer Filmwelt angesiedelt wirkt als der etwas realistischer wirkende Director?s Cut.
(Spoiler Ende)

Bildvergleich:


Oben die Kinofassung mit starkem Blaufilter, unten der Director's Cut, der durch Entfernen des Filters die natürlichen Farben zur Geltung bringt.
Der Unterschied im Tonfall ist durchaus frappierend.



V. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, welcher Fassung der Vorzug zu geben ist. Besieht man sich entsprechende Kritiken im Netz, stellt man verwundert fest, dass das Meinungsbild sehr gespalten ist, sich viele gar nicht entscheiden wollen und viele, denen man sonst eher Sympathien für härtere, weniger massentaugliche Filme zugetraut hätte, durchaus standhaft die Kinofassung verteidigen. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, insbesondere bei der Musik, welche Fassung man gewohnt ist. Man kann sich dann noch so anstrengen und versuchen zu verobjektivieren, man teilt dann doch zwischen ?richtig? und ?falsch? ein. Für diese Vergleichsbesprechung sei deshalb mitgeteilt, dass ich ?Payback? damals, 1999, gesehen und gemocht hatte, seit dem aber nicht mehr. Für diese Rezension habe ich mir direkt hintereinander zunächst den neuen Director?s Cut und danach die Kinofassung angesehen, wohl wissend, dass die erste Sichtung immer leicht im Vorteil ist ? den wollte ich dem Director?s Cut aber schon gönnen.

Zunächst zu dem, was beide Fassungen eint: ?Payback? ist ein gut geschriebener, schmissig inszenierter, trefflich besetzter (Gibson und Lucy Liu sind ein pures Vergnügen) höchst unterhaltsamer, recht harter Krimi, in welchem Genre-Freunde auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen. Und zwar in beiden Fassungen, die beide ihre Existenzberechtigung und ihre Vor- und Nachteile haben. Wenn man wählen müsste, würde ich ganz leicht dem Director?s Cut den Vorzug geben, eine andere Punkt-Wertung rechtfertigt dies aber nicht, hier sind beide pari.
Der Director?s Cut überzeugt durch den besseren, schmissigeren Score und eine angenehme ruppige Kompromisslosigkeit, sowie mehr Tempo, dafür kann die Kinofassung mit mehr gelungenem Humor punkten, sowie mit einem Ende, das zweifellos kommerzieller und massentauglicher wirkt, aber auch runder. Das Ende im Director?s Cut hinterlässt leider den Eindruck, dass der Autor und Filmemacher in Personalunion nicht so recht wusste, wie er den Film vernünftig abschließen sollte. Sieht man beide Filme so dicht hintereinander, springt einem nahezu ins Auge, was für die Kinofassung als notwendig angesehen wurde, um mehr Massentauglichkeit zu erzielen, wozu insbesondere die beiden Explosionen gerechnet werden sollen, die den Film offensichtlich teurer wirken lassen sollten. Ferner bekommt man einen hervorragenden Einblick dahingehend, wie sehr kleine Veränderungen den Tonfall eines Filmes ändern können und auf wie viele verschiedene Art und Weisen man einen Film erzählen kann. Ein trefflicher, gelungener Krimi ist ?Payback? in beiden Versionen.

Welche Fassung sich langfristig durchsetzen wird, wird sich zeigen. Verdient hätten es beide.

Punkte: 8/10 (Kinofassung), 8/10 (Director?s Cut)


Für die Kinofassung lag die deutsche DVD von Warner vor, die als Flipper sowohl die anamorphe Scope-Fassung, als auch eine indiskutable Vollbild-Fassung enthält, sowie einige belanglose Interview-Schnipsel. Diese DVD ist trotz aller Härte uncut ab 16.

Für den Director?s Cut lag die US-DVD von Paramount vor, die neben dem gestochen scharf vorliegenden Hauptfilm auch noch eine Fülle sehr interessanter Extras enthält, darunter eine fast 30minütige Dokumentation über die Entstehung der neuen Fassung und einen Audiokommentar von Regisseur Helgeland.

Zensur-Hinweis: Diese Fassung wird sicherlich auch in Deutschland noch veröffentlicht werden und wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre ich gerne bei der Diskussion der FSK dabei, denn es dürfte sehr spannend werden, ob die Prüfer dieser Version ebenfalls ein FSK 16 verleihen oder auf FSK KJ hochgehen. Während die schon fast legendäre Hammer-auf-Fuß-Folterszene der Kinofassung im Director?s Cut völlig fehlt (da der ganze Kris Kristoffersen-Subplot nicht vorkommt), tötet Gibson in diesem deutlich grimmiger, gnadenloser und auch schon mal willkürlicher ? alles Attribute, die bei der FSK bei Tötungsszenen nicht so gerne gesehen würden und was für ein FSK KJ sorgen könnte.


--
Cover, Bilder: Warner (Kinofassung), Paramount/USA (Director?s Cut)

*Dass oben bei den Laufzeitangaben nur ein Unterschied von 7 Minuten festzustellen ist, liegt daran, dass eine PAL und eine NTSC-DVD zum Vergleich vorlagen und damit mal wieder am PAL-Speedup. Die Kinofassung von ?Payback? läuft mit 24fps auf der NTSC-DVD oder auf 35mm 101 Minuten gegenüber den 90 Minuten des Director?s Cut und ist mithin die erwähnten 11 Minuten länger.

Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Hollywood

1 Kommentar | TrackBack (0) | Artikel versenden

Kommentare

maini am 25.04.2007 - 21:01

OMG ich muss die haben. Vielen Dank für die Review. Jetzt muss ich nur noch überlegen, wo ich die herbekomme. Ist die in UK schon raus? Das wäre ja eine Alternative. Da weiß ich ja, nach was ich morgen mal so googeln darf :D

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