Mittwoch, 14.02.2007
Filmkritik: Dhoom:2
Actionfilm von Sanjay Gadhvi, Indien 2006, 151m53s (NTSC).
Mit Hrithik Roshan, Abhishek Bachchan, Aishwarya Rai u.a.
DVD (Yash Raj/UK), Ton: Hindi DD 5.1 mit engl. UT, Bild: 2,23:1 anamorph.


Man nehme für die Fortsetzung eines erfolgreichen Action-Films in der Rolle des Bösewichts nicht nur einen, sondern gleich zwei Superstars und erhält ? den nicht inflationsbereinigt erfolgreichsten Film aller Zeiten in Indien. "Dhoom" war 2004 ein großer Hit, die hier zu besprechende, Ende 2006 angelaufene Fortsetzung sollte alle Rekode brechen. Nach dem besten Start überhaupt und einem astronomisches Netto-Einspielergebnis von über 850 Millionen Rupien später fragt man sich: Wie kam der gigantische Erfolg zustande? Der Film ist tatsächlich ein ganzes Stück besser als der Vorgänger (was aber auch nicht schwer war) und auch wirklich sehr unterhaltsam, aber den gigantischen Erfolg macht das nicht erklärlicher. Egal. Vielleicht sollte man sich einfach nur darauf einlassen: Dhoom machale!
Inhalt: Die bereits aus dem ersten Teil bekannten Polizisten ACP Jay Dixit (Abhishek Bachchan), Inspector Ali Akbar (Uday Chopra) und ACP Sonali Bose (Bipasha Basu) jagen den raffiniertesten Dieb der Welt, schlicht genannt ?A? (Hrithik Roshan), ein Meister der Verkleidung, und seine Partnerin Sunehri (Aishwarya Rai). Quer über den Globus verläuft die Jagd, von Mumbai bis Rio ...
Kritik: Selten sah heiße Luft so gut aus. ?Dhoom:2? schafft es, mit einem Nichts an Geschichte und Szenen bar jeglicher Plausibilität mit reinem Blendwerk prächtig zu unterhalten und bietet Traumkino und Eskapismus pur. Und, mal ganz ehrlich, wer lässt sich darauf nicht ganz gerne mal ein?
Gerade in Bollywood bietet sich bei Groß-Produktionen eine All-Star-Cast an, da wissen die Fans dann gar nicht, wohin sie zuerst gucken sollen ? und im Handumdrehen sind dann 2 ½ - 3 Stunden um. Ähnlich sieht es auch bei ?Dhoom:2? aus, ein Caper-Movie, dessen Einbrüche nicht sonderlich raffiniert inszeniert sind, dessen Action-Szenen vor Implausbilitäten nur so strotzen und dessen Charaktere so gut wie nicht entwickelt sind, aber, bei Gott, wie viel Spaß macht es, wenn das alles von Hrithik Roshan, Aishwarya Rai und Abhishesk Bachchan verkörpert wird? Nochmal, bevor man sich an den Darstellern auch nur entfernt satt gesehen hat, fängt nach 2 ½ Stunden schon der Abspann an.
Widmen wir uns doch deshalb gleich diesem Quintett und haken kurz vorher noch Rimi Sen aus dem ersten Teil ab, die diesmal nur eine winzige Nebenrolle spielt und deren Charakter, trotz offensichtlich anderer Anlage, mal eben so spurlos aus der Handlung verschwindet; was die Vermutung nahe legt, dass die Rolle im wesentlichen dem Endschnitt zum Opfer fiel.
In der zweiten Reihe agieren diesmal Uday Chopra und Bipasha Basu. Während Uday nach wie vor völlig fehlplatziert wirkt und als völlig unlustiger und trotzdem für den Humor zuständiger Charakter den Zuschauer vor eine Geduldsprobe stellt (wann hat der Chopra-Clan endlich mal ein Einsehen und erspart uns diese üble Zumutung?), überrascht Bipasha Basu einmal mehr positiv. Die früher lediglich auf Erotik- oder Blickfangrollen fest gelegte Schönheit zeigt nach u.a. ?Omkara? einmal mehr, dass durchaus schauspielerisches Potential in ihr steckt. Sie füllt ihre (zugegeben überschaubare) Rolle als entschlossene Polizistin mit viel Präsenz und Persönlichkeit aus und überstrahlt damit sogar ihre augenfälligen, beeindruckenden Reize (ihre erste Szene ist ein echter Hingucker, soviel sei angemerkt).
Bei Aishwarya Rai sieht es etwas anders aus, ihre Strahlkraft als eine der schönsten Frauen der Welt ist nach wie vor ungebrochen und jede Szene wird durch ihre Auftritte geadelt, ganz lassen wir uns aber nicht ablenken und müssen leider konstatieren, dass sie in einigen Szenen mit der nicht gerade sehr anspruchsvollen Rolle durchaus überfordert ist und gewisse Dialoge nur äußerst ungelenk vorträgt. Von diesen Szenen abgesehen gestaltet sie aber durch famose Tanzeinlagen und kaum fassbare, teilweise äußerst knappe und spärliche Kostüme jeden ihrer Auftritte zu einer beeindruckenden Show, so dass man jedes Mal erstmal durchatmen muss, wenn sie die Szene wieder verlässt. Ihr neuer Verlobter Abhishek Bachchan wiederholt im wesentlichen seine Rolle aus dem ersten Teil, die nicht sonderlich viel von ihm abfordert, also cool, tough und entschlossen aussehen, sowie steif tanzen. Auch wenn er in dieser Rolle fast verschwendet ist, sorgt seine Lässigkeit einmal mehr für einen gewaltigen Unterhaltungswert und eine Heldenfigur, die man gerne noch in vielen Filmen sehen möchte. Gerade weil Hrithik Roshan in diesem Film dabei ist und die beiden einige Szenen miteinander haben, lädt ?Dhoom:2? dazu ein, die Karriere von A. Bachchan, jr. kurz Revue passieren zu lassen und an zwei wichtige Wegpunkte zurück zu denken: Als Abhishek Bachchan und Hrithik Roshan das letzte Mal gemeinsam vor der Kamera standen, für die gerade in Deutschland auf DVD erschienen Romanze ?Ich sehne mich nach deiner Liebe - Main Prem Ki Diwani Hoon? mit Kareena Kapoor aus dem Jahr 2003, da war Roshan bereits ein Mega-Star und Abhishek, nun, im wesentlichen noch und nur der Sohn von Amitabh Bachchan, mehr nicht. Dann kam mit dem ersten Teil ?Dhoom: Die Jagd beginnt? sein erster vertiabler Hit, und einige Hits später ist er jetzt in ?Dhoom:2? selbst ein großer Star, was für das Gleichgewicht in den Szenen mit Hrithik Roshan von einiger Bedeutung ist und ihnen sehr gut tut. Damit wären wir bei Hrithik, und so wie ?Dhoom:2? eigentlich ein Ensemble-Film ist, ist es irgendwie auch Roshans Film, denn die Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert und kommt seinen Talenten ideal entgegen. Es werden keine großen schauspielerischen Leistungen von ihm abverlangt, mit denen er häufiger mal überfordert ist, sondern Star-Qualitäten, also körperliche und mimische Präsenz zeigen, sowie in den Action- und Tanzszenen gut aussehen ? und das macht er einfach meisterlich, er war selten so gut wie hier, selten kam eine Rolle ihm so entgegen. Man kann nur hoffen und beten, dass die Produzenten auch im dritten Teil einen Auftritt für ihn planen, dieser Dieb ist vielleicht die bisher beste Rolle seiner Karriere, so gut passen da Darsteller und Figur zusammen.
Ja, es ist gerechtfertigt, dem Star-Ensemble so viele Zeilen in dieser Besprechung zu widmen, denn darum geht es im wesentlichen in ?Dhoom:2?; das Star-Ensemble ist ?Dhoom:2?.
Der Rest ist recht schnell abgehakt. Die Regie und die Bildgestaltung sind auf Hochglanz poliert, ohne das Niveau (oder auch die Glätte) von Akhtars vergleichbarem ?Don?-Remake zu erreichen. Durch sonderlich viele Einfälle glänzt Regisseur Ghadvi nicht, wie schon im ersten Teil. Er versucht besonders, die Szenen pompös und vor allem ?cool? aussehen zu lassen, was ihm nur zum Teil gelingt, weil er in den Action-Szenen derartig jegliche Gesetze von Logik und Schwerkraft fahren lässt, dass man teilweise schon die Augen verdreht. Dialoge sind hübsch, aber konventionell aufgelöst, und in Action-Szenen gefällt er sich besonders in den in Bollywood so beliebten extremen Schwenks bzw. Wechsel von Kamerapositionen. Die Montage ist dynamisch, Bildgestaltung und Ausstattung einer solch großen Produktion angemessen, die Songs fast alle sehr schmissig komponiert und inszeniert, und mitunter exzellent choreographiert ? diese Kombination zusammen mit den Tanzkünsten von Aishwarya Rai und Hrithik Roshan sorgt dann für einige atemberaubende Show-Stopper, da kann man nur so staunen und schwelgen. Wichtig: Viele der Songs haben großes Mitsing- und Ohrwurmpotential, die Musik von Pritam gehört sicher zu den Höhepunkten des Jahres 2006.
Während der erste ?Dhoom? sich westlicher Vorbilder wie den ?Taxi? und ?The Fast and the Furious?-Serien bediente, greift der zweite Teil eher auf die ?Thomas Crown?-Affaire und auch die ?Mission: Impossible?-Serie zurück. Was den Einbrüchen an Raffinesse abgeht, machen sie durch Unlogik wieder wett um in der Handlung zu funktionieren, aber immerhin: Hrithik Roshan tritt teilweise in höchst raffinierten Verkleidungen auf, die ziemlich originell erdacht sind und deshalb enormen Spaß machen - hier aber nicht verraten werden sollen.
Böse und auch etwas unfair ausgedrückt ist ?Dhoom:2? nichts weiter als oberflächliches, substanzloses Blendwerk mit einigen Mängeln. Selbst solche Abgründe kann sich der Film aber leisten, weil er voll und ganz auf die Strahl- ja Blendkraft seiner Stars setzen kann. Wer sich darauf einlassen kann, erlebt attraktiven Eskapismus pur, zum träumen und schwärmen, wunderschön, so lange es anhält, so schnell vergessen, wenn es vorbei ist. Aber dann kann man sich den Film ja noch einmal ansehen ? und irgendwann auf Teil 3 hoffen.
Sowas wie ?Dhoom:2? muss manchmal auch sein.
Fazit: Äußerst seichtes, oberflächliches Caper-Movie mit einigen Unzulänglichkeiten, dass sich derart auf ein Star-Ensemble mit beeindruckender Strahlkraft verlassen kann, das ein fast schon unverschämter Unterhaltungswert die Folge ist.
Punkte: 8/10.
Das Bild der DVD von Yash Raj könnte noch einen Tick schärfer sein, auch ist eine fehlende DTS-Spur zu bemängeln. Für den dafür eingesparten Speicherplatz bekommt man immerhin Synchros des Films in Tamil und Telugu gereicht (technisch deutlich schlechter klingend), sowie Untertitel in Englisch, Arabisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch, Portugiesisch, Kannada und Malayalam. Auf einer zweiten DVD befinden sich einige nette Featurettes wie Video-Clips und Making Ofs.
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Cover, Bild: Yash Raj
Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Indien
Kommentare
Marco am 15.02.2007 - 10:41
Ein Caper-Movie ohne Spannung, ein Actionfilm ohne brauchbare Action, ein Musical ohne gute Musik ... da bleiben wirklich nur noch leckere Stars und die schau ich ja auch gerne an.
Aber 8? Gah, wir sind in letzter Zeit wohl selten so auseinander gelegen *g*
Oliver am 15.02.2007 - 11:02
Ein Caper-Movie lebt ja auch von seiner Atmosphäre, und die ist ja vorhanden, die Action-Szenen sind ja zumindest kurzweilig, auch wenn sie nicht so richtig gut sind, und die Musik fand ich persönlich klasse, der Soundtrack läuft bei mir seit vielen Wochen rauf und runter.
Und dann noch die Stars und schon sind wir bei 8 Punkten.
Ist doch ganz einfach. ;o)




