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Samstag, 03.02.2007

Filmkritik: Benny's Video

Drama von Michael Haneke, AUT/CH 1992, 105m14s (PAL).
Mit Arno Frish, Angela Winkler, Ulrich Mühe u.a.
DVD (G.C.T.H.V./FRA), Ton: Deutsch DD 2.0 Mono, Bild: 1,78:1 anamorph.



Der 13jährige Benny ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Er ist nur viel alleine, und damit er bei den Hausaufgaben überhaupt etwas in der leeren Wohnung hört, die Eltern müssen viel arbeiten, macht er diese immer zu dröhnend lauter Musik bei gleichzeitig angeschaltetem Fernseher. Und er hat eine Faszination für provozierende Bilder. Der Troma-Film ?Atomic Hero? läuft häufig bei ihm und insbesondere ein selbstgedrehtes Video von der Tötung eines Schweines mit einem Bolzenschussgerät hat es ihm angetan.
Mit dieser Szene fängt ?Benny?s Video? als Film im Film auch an. Dieses Video führt er auch einmal einem gleichaltrigen Mädchen vor, das er zwar nicht kennt, aber mal mit zu sich nach Hause nimmt, und zeigt ihr dann zu ihrer Überraschung sogar das Bolzenschussgerät selbst, das er in der Schublade hat. Als Mutprobe gibt er ihr das Gerät, richtet es auf sich und sagt: ?Drück ab?. Was das Mädchen natürlich nicht tut. Dann dreht er das Gerät um und richtet es auf das Mädchen. Diese sagt: ?Du traust dich ja doch nicht. Feigling.? Daraufhin drückt Benny ab. Das Mädchen schreit wie am Spieß. Und schreit und schreit. Daraufhin lädt Benny das Bolzenschussgerät erneut, überfordert, weil das Schreien des Mädchens einfach nicht aufhört, und drückt noch einmal ab. Das Schreien wird dadurch noch lauter und hört keinesfalls auf. Panisch lädt Benny das Gerät noch einmal, zielt auf den Kopf des Mädchens, drückt ab - und danach ist Ruhe, entsetzliche Ruhe.
Diese Szene ist optisch durchaus sehr dezent gefilmt, zunächst sieht man groß nur den Rücken des Mädchens, hört den ersten Schuss nur auf der Tonspur, das Mädchen kippt nach rechts aus dem Bild, Achsensprung, Gegenschuss, nun kippt das Mädchen von vorne nach links aus dem Bild und man wird gezwungen, den Rest der Szene auf einem Monitor von Benny zu verfolgen. Da das Mädchen außerhalb des Kamerawinkels gefallen ist, sieht man so eigentlich nur ein leeres Zimmer und hört die Schreie. Bis diese nach dem dritten Schuss verstummen.
Gerade weil die Schreie des Mädchens nicht enden wollen und in dieser Szene einerseits so viel der Phantasie überlassen wird, sie andererseits so erschreckend real wirkt, ist diese Tötungs-Sequenz von einer Grausigkeit, dass einem wirklich die Haare zu Berge stehen.

Und dies ändert sich auch nicht, als Benny wie beiläufig dann die Spuren zu beseitigen trachtet, als hätte er ein Glas Milch verschüttert. Er wollte nur mal sehen, wie das mit dem Töten so ist, wird er viel später seinem Vater sagen. Regisseur Michael Haneke verbietet sich jegliche spekulativen Elemente und dankenswerter Weise vor allem auch jegliche einfachen Antworten. Für Bennys Teilnahms- und Emotionslosigkeit werden keinesfalls einfache Erklärungen angeboten, sondern ein ganzer Strauß an Eindrücken geliefert, die jeder für sich oder alle zusammen damit zu tun haben können: Der dröhnende Medienkonsum, die Einsamkeit, die gefühllosen Eltern und auch, dass Benny mit seiner Pubertät nicht zurecht kommt, und über allem, wie häufig bei Haneke, eine bestürzend machende Unfähigkeit zur Kommunikation. Allzu einfache Antworten zieht der Film sogar ins Lächerliche, wenn Bennys Vater (Ulrich Mühe) auf seine Pubertät anspielend meint, dass Benny nicht glauben solle, dass die ganze Welt ihn hasst, wirkt das unangenehm plump und wenig einfühlsam. Wenn der Vater später zu seinem Sohn sagt: ?Ich liebe dich?, hat Benny darauf keine Antwort und guckt nur betreten weg.

?Benny?s Video? ist ein ausgesprochen sperriger, schwieriger und auch komplexer Film. Er schildert die Nöte des Jungen und seiner Eltern gleichsam sehr eindringlich, lässt einen aber anderseits nicht so recht an sie heran. Während dies Benny noch unheimlicher, monströser und Mitleid erregender zugleich macht, überspannt Haneke den Bogen bei den Eltern ein wenig. Auch wenn diese (zu recht) annehmen, dass ihre bürgerliche Existenz zerstört ist, wirkt es doch fast wie eine schwarzhumorige Farce, mit welcher Willfährigkeit sie Benny dabei helfen, das Mädchen verschwinden zu lassen. Hier findet der Film nicht ganz den richtigen Ton.

Haneke inszeniert gewohnt kursorisch, die Szenen dauern wie häufig sehr lange und geben genaue Alltagsbeobachtungen wieder, auch finden sich viele Motive erneut, wie das gemeinsame Essen, lange, leere Blicke und vor allem, die begrüßenswerte Weigerung, Schreckliches und Gewalt konsumierbar zu präsentieren. Auch wenn man auf der Bildebene nicht viel sieht, dürfte die Tötungsszene in Kinos viele Walkouts produziert haben und vor dem Fernseher viele Griffe zur Fernbindung, so grässlich und schrecklich ist sie nicht nur schon in der Vorstellung, sondern gerade in der Ausführung. Wobei aufgeschlossene Zuschauer jederzeit die Gewissheit haben dürfen, sich in den Händen eines zutiefst ernsthaften und talentierten Regisseurs zu befinden, der wichtige Frage auf alarmierend-drängende Weise stellt. Und ?Benny?s Video? lässt viele Fragen zurück und lädt zum Nachdenken ein, ohne sein Anliegen durch einfache Schuldzuweisungen zu konterkarieren.
Was kann einem eigentlich Besseres passieren, als ein hochtalentierter Regisseur, der sein Medium meisterhaft beherrscht und sein Publikum gekonnt mit wichtigen und drängenden Fragen konfrontiert, die Antwort diesem selbst überlassend?

Fazit: Hervorragend inszeniert und gespielter, aber grausiger Film, der drängende Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu liefern.

Punkte: 8/10.


Die DVD von C.G.H.T.V. aus Frankreich bietet die österreichisch-schweizerische Co-Produktion mit exzellentem Bild und glasklaren deutschen Monoton, sowie wiederum ein Interview (21?) mit dem Regisseur, in österreichischem Französisch ohne Untertitel, in welchem Haneke insbesondere darauf eingeht, was ihn zu diesem Film bewegt hat.

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Cover, Bild: C.G.T.H.V./FRA

Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Europa

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