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Mittwoch, 24.01.2007

Filmkritik: Caché

Thriller von Michael Haneke, FRA/DTL/AUT/IT 2005, 113m16s (PAL).
Mit Daniel Auteuil, Juliette Binoche, Maurice Bénichou u.a.
DVD (Eurovideo), Ton: Französisch DD 5.1 mit dt. UT, Bild: 1,78:1 anamorph.

Jeder Film-Enthusiast hat spezifische Regisseure, mit deren Werk er sehr viel oder sehr wenig anfangen kann. Darüber hinaus finden sich dann noch jede Menge Filmemacher, mit deren Filmen man schlicht aus Gründen der Masse des Angebots bisher nie in Berührung gekommen ist. Solche Begegnungen mit einem Autorenfilmer, von dem man schon viel gehört und gelesen hat, sind immer sehr spannend: Entdeckt man einen neuen Regisseur für sich oder ist man froh, dass man dessen Filme bisher ausgelassen hat?
Mit ?Caché? habe ich nun den ersten Film des inzwischen sehr renommierten, heute meist in Frankreich arbeitenden Österreichers Michael Haneke (welcher Filmfan kam die letzten fünfzehn Jahre an der Berichterstattung um ?Bennys Video?, ?Funny Games? und ?Die Klavierspielerin? vorbei?) gesehen - und festgestellt, dass ich dessen Filmographie dringend aufholen muss.
?Caché? ist ein ausgezeichneter Film.


Inhalt: Die Grundkonstellation erinnert stark an David Lynchs ?Lost Highway?: Ein Paar (Daniel Auteuil, Juliette Binoche) bekommt Videokassetten zugeschickt, in welchen ihr Hauseingang zu sehen ist. Die Botschaft ist klar: Ihr werdet beobachtet. Anonyme Anrufe und ähnliches stellen insbesondere das Leben des von Daniel Auteuil gespielten Georges auf den Kopf, der als öffentliche Figur, er leitet eine beliebte Literatur-Talkrunde im Fernsehen, besonders verwundbar ist.

Kritik: Schnell schlägt ?Caché? seine eigene Richtung ein, weit weg von ?Lost Highway?, aber auch weg vom Thriller. Der völlig ohne Musik inszenierte und in strengen, langen Einstellungen komponierte Film von Michael Haneke macht dem Zuschauer durch Auslassungen und ausgiebigen Möglichkeiten zur Beobachtung schnell klar, dass er kein Thriller sein, sondern auf zwei ganz andere Themen hinaus will: Inwieweit kann man Bildern und Aussagen trauen? Und vor allem: Wie reagieren die Hauptpersonen darauf? Die Lösung des eigentlichen Kriminalfalls rückt damit in den Hintergrund und man ist auch nicht im geringsten enttäuscht, dass man am Ende überhaupt nicht erfährt, wer diese Videos geschickt hat. Mit großer Raffinesse bringt Michael Haneke sein Publikum dazu, Bildern zu misstrauen. ?Wirkliche? Einstellungen entpuppen sich als Bild-im-Film Videoaufnahmen mit plötzlichen Zurückspulstreifen und gerade an der zentralen Stelle des Films wird man sehr abgefeimt verunsichert: Es ist aus Gesichtspunkten der Logik völlig eindeutig, dass nur zwei Personen diese Videos haben verschicken können, doch diese beiden Personen wirken absolut glaubwürdig, sympathisch und aufrichtig und beteuern, dass sie die Videos nicht verschickt haben, was der Film bis zum Schluss nicht wiederlegt. Nur: Kann man diesen Aussagen wirklich trauen?
Natürlich wäre ?Caché? kein guter Film, wenn er lediglich eine theoretische Bilderreflexion wäre, er ist gleichzeitig ein teilweise außerordentlich intensives, durchaus mit heftigen Schocks versehenes Drama einer Familie, die äußerlich gut situiert und intakt ist, wenn man innerlich aber genauer hinschaut, ist jeder für sich einsam und auch wenn man viel redet, redet man in der Regel aneinander vorbei. Zwei der besten Schauspieler Frankreichs und eine wirklich außerordentlich bemerkenswert souveräne und pointierte Regie sorgen dafür, dass man in hohem Maße sich auf die Figuren einlassen und ihr Drama miterleben kann und sich fasziniert vom Regisseur sein Anliegen vorführen lässt, Bildern und Aussagen zu hinterfragen und diesen zu misstrauen. Neben der oben schon erwähnten ausgesparten Musik ist der Film auch sonst eher gegen den Strich gebürstet inszeniert: Statt schneller Schnitte regieren lange, manchmal fast theaterhafte Einstellungen, in welchen die Inszenierung eher durch die Platzierung und Bewegung der Figuren erfolgt, wobei der Regisseur in vielen Szenen durchaus ein Vergnügen an raffiniert ausgeklügelten Kamerafahrten, Einstellungswinkeln und dem Bildaufbau offenbart, was sich als Genuss sichtlich auf den Zuschauer überträgt.
Was ?Caché? so bemerkenswert macht ist, dass man hier nicht einem prätentiösen, bewusst ?anders? inszenierten Film folgt, was letztlich schal ist, sondern einem außerordentlich talentierten und souveränen Regisseur bei der Arbeit zuschauen darf, der wirklich etwas zu sagen hat.
Ein bemerkenswertes Filmerlebnis, das länger nachhallt. (Ganz wichtig: In der Schlusseinstellung später links unten hinschauen!)

Fazit: Ausgezeichnet gespielter, brillant inszenierter Film, der nur vordergründig ein Thriller ist, in Wirklichkeit aber nur an der Reaktion der Protagonisten auf die Ereignisse interessiert ist und seine Zuschauer auffordern möchte, Bilder und Aussagen zu hinterfragen. Als Bilderreflexion, wie auch als filmisches Drama sehr überzeugend.

Punkte: 9/10.


Die DVD von Eurovideo bietet ein gutes Bild und neben der Originalfassung mit deutschen Untertiteln auch eine deutsche Synchronisation an. Ferner gibt es neben einem Making Of auch noch ein gut halbstündiges, hochinteressantes Interview mit Michael Haneke, welches er auf Französisch (OmU) mit breitem österreichischen Akzent gegeben hat.


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Cover: EuroVideo.

Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Europa

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