Sonntag, 19.11.2006
Filmkritik: Chandramukhi
Grusel-Masalafilm von P. Vasu, Indien 2005, 167 Minuten.
Mit Super Star Rajnikanth, Jyothika, Prabhu u.a.
DVD (Ayngaran/USA), Ton: Tamil DTS 5.1 mit engl. UT, Bild: 2,35:1 anamorph.


Man kann mit Fug und Recht sagen, dass sich Bollywood in Deutschland etabliert hat. Die DVDs mit den Helden aus der Traumfabrik von Mumbai füllen inzwischen auch bei uns die Regale der Kaufhäuser. Die richtigen Fans indischer Filme wissen aber schon längst, dass indischer Film nicht mit Bollywood gleichzusetzen ist. Das Land ist so groß und weist so viele unterschiedliche Sprachen auf, dass es nicht nur eine, sondern gleich mehrere Filmindustrien beherbergt, denn Inder legen in ihren Filmen wenn möglich wert auf die Sprache und eigenen Stars ihres Bundestaates oder ihrer Region. Die größeren Sprachregionen Indiens beherbergen deshalb Filmindustrien, die teilweise in Quantität und Qualität dem Ausstoß von Bollywood durchaus ebenbürtig, zeitweise sogar überlegen sind, darunter insbesondere die telugusprachige Filmindustrie in Andhra Pradesh, Tollywood genannt, und die tamilsprachige Industrie von Tamil Nadu ganz unten im Südosten Indiens, genannt Kollywood. Mit ?Chandramukhi? feiert nun der erste moderne Kollywood-Film seine offizielle Deutschland-Premiere auf DVD, die Scheibe erscheint am 1.Dezember 2006 auf dem deutschen Markt. Da ich schon länger die Import-DVD bei mir rumliegen habe, wollte ich diese dann doch noch gesehen haben, bevor der Film in Deutschland erscheint. Gesagt, getan.
Inhalt: Das Ehepaar Senthilnathan (Prabhu) und Ganga (Jyothika) haben den Vettayapuram-Palast gekauft, obwohl sich die Leute dort von einem Fluch erzählen. Vor vielen Jahren hatte sich König Vattayan in die Tänzerin Chandramukhi verliebt und als sie ihre Liebe eher dem Tänzer Gunasekaran schenkte, ließ der König sie bei lebendigem Leibe verbrennen. Nun soll der Geist von Chandramukhi immer noch das Anwesen heimsuchen, des Nachts hört man jemanden singen und tanzen und im großen Südraum soll auch eine Königskobra leben. Ein Glück, dass gerade Saravanan (Super Star Rajnikanth) sein Psychologie-Studium in den USA beendet hat und zurück gekehrt ist. Denn diese Studium ermöglicht ihm nicht nur, zwanzig Gegner gleichzeitig zu verprügeln und Gedanken lesen zu können (das lernt man halt an amerikanischen Universitäten so), mit seinem Fachwissen geht er auch dem Fluch von Chandramukhi auf den Grund..
Kritik (vorsicht, Spoiler!): Hier sollte man erstmal etwas erzählen. Super Star Rajnikanth (dieser ?Super Star?-Zusatz ist kein blöder Witz von mir, sondern schlicht die getreue Wiedergabe seines Namens in den Credits von Chandramukhi..) ist, obwohl kein Tamile, eine lebende Legende im Tamilkino. Seit Mitte der 70er in der Filmindustrie, lieferte er insbesondere in den 80ern in steter und schneller Folge Hit auf Hit und hat es inzwischen auf über 160 Filme gebracht. In letzter Zeit machte er sich deutlich rarer, waren früher für ihn 5-10 Filme im Jahr die Regel, drehte er in den letzten 10 Jahren gerade mal vier Filme. Einer der Gründe dafür ist, dass sein letzter Film "Baba" aus dem Jahr 2002 in Kollywood als kolossaler Flop angesehen wurde (obwohl er sein Geld durchaus einspielte) und der Karriere des von seinen Fans als Gott verehrten Rajnikanth einen empfindlichen Schlag versetze. Wie er in Interviews erzählte, ließ er sich deshalb mit seinem nächsten Filmprojekt viel Zeit, wählte das Skript extrem sorgfältig aus und achtete peinlich genau darauf das alles stimmt. Als Stoff wählte er eine Geschichte, die bereits in anderen indischen Lokalindustrien hatte reüssieren können. Der 1993 in Kerala höchst erfolgreich gelaufene Malayalam-Film "Manichitrathazhu" wurde von Regisseur P. Vasu gut zehn Jahre später gleich zwei Mal neu verfilmt: Einmal als "Aaptamitra"in der Sprache Kannada des indischen Bundestaates Karnataka im Jahr 2004, wo er sehr erfolgreich lief, und dann eben noch einmal als tamilische Fassung, der hier zu besprechende "Chandramukhi". Dabei passte Regisseur P. Vasu den Film für das jeweilige Publikum an, für das tamilische Publikum fügte er einen Extra-Schuss Heroismus hinzu, ferner führte er die Hauptfigur sofort ein, da man jemanden wie Super Star Rajnikanth nicht erst zur Mitte des Films auftreten lassen kann, ohne dass einem die Zuschauer das Kino umgestalten.
Die Rechnung ging mehr als auf: Die Fans versöhnten sich nach ?Baba? wieder mit Rajnikanth und machten ?Chandramukhi? nicht nur zu einem der erfolgreichsten tamilischen, sondern sogar indischen Filme aller Zeiten. Der Film brach eine ganze Reihe Boxoffice-Rekorde und zieht weiterhin seine Kreise: Eine in Telugu synchronisierte Fassung von "Chandramukhi" war in Andhra Pradesh, obwohl Synchros nicht so beliebt sind, so erfolgreich, dass die dortige Filmindustrie sich Gegenmaßnahmen gegen Tamil-Importe überlegte, ferner wird im Moment ein Bollywood-Remake in Hindi auf die Beine gestellt und man überlegt ernsthaft, eine Fortsetzung des Films anzuschieben, sofern Super Star Rajnikanth zusagen sollte.
Dieser war folglich mit einem Mega-Hit an den Kinokassen rehabilitiert, aber lohnt die ganze Aufregung, ist ?Chandramukhi? wirklich so gut?
Jein.
Es ist ein guter Film, von einem Meisterwerk aber weit entfernt, auch wenn man den großen Erfolg durchaus erklären kann, aber der Reihe nach.
Der Anfang sorgt schon mal für blendende Laune. Schnell wird klar, dass der Held mal wieder mit einer Prügelei eingeführt werden soll, und diese wurde derartig überkandidelt, originell und spaßig gestaltet, dass man dem Film sofort positiv gegenüber gesinnt ist. Danach verbringt der Film viel Zeit vor der Intermission mit Einführung der Charaktere, des Hintergrunds, den ersten Songs, und, wie üblich in der ersten Hälfte, mit dem Comedy-Track. Es ist sicherlich meine Schuld, aber tamilische Comedy erschließt sich mir nicht, hektisches Gestotter ist einfach irgendwann nicht mehr witzig.
Immerhin machen die beiden Hauptdarsteller Spaß. Super Star Rajnikanth ist, trotz grässlicher Frisur und peinlicher Sonnenbrille (offensichtlich herrscht dort in Südindien ein anderes Schönheitsideal vor), eine beeindruckende Präsenz und nimmt das Publikum gut mit, man folgt ihm gerne. Sidekick und Produzent Prabhu ist sowieso immer gerne gesehen. Äußerlich versteht zwar niemand, wieso das ein Filmstar ist, als gemütlicher Riesenbär keinesfalls ohne Talent sieht man ihn aber auch immer gerne. Jyothika kann man als weibliche Hauptrolle nur so gerade durchgehen lassen, sie könnte etwas mehr Charme und Feuer versprühen und ist an manchen Stellen der später schwieriger werdenden (und von der Regie durch dumme Mätzchen verraten und verkauften) Rolle nicht mehr unbedingt gewachsen. Langweilig wird das alles aber nie, dafür sorgt schon P. Vasus Inszenierung, die mit äußerst agiler, Freude bereitender Kamera und dynamischer Montage in jeder Szene für mehr als genug Vorwärtsbewegung sorgt.
Die Songs sind ein großer Pluspunkt des Films. Obschon abwechselungsreich, meist nicht sehr aufregend bebildert (Ausnahme: grandiose Shots aus Pamukkale und Ephesus, die offensichtlich bei einer Türkei-Reise des Teams eingefangen wurden), aber von Star-Komponist Vidyasagar immer gefällig bis mitreißend komponiert und sehr nett getanzt. Insbesondere die große Production Number, die in südindischen Filmen immer als vorletzter oder letzter Song vorgesehen ist, erfüllt die Erwartungen und mehr als das, ?Annananda Pattu? ist mal wieder eine atemberaubend schmissige und begeisternde Einlage, die nach Ansicht des Films bei mir noch weit über eine Stunde immer und immer wieder in Dauerschleife lief.
In der zweiten Hälfte schlägt der Film dann, wie so häufig, ernstere Töne an. Die bisher durchaus wirkungsvoll und sehr indisch inszenierten Gruseleffekte offenbaren keinen Spuk, sondern eine Geisteskrankheit. Da ist natürlich jemand mit einem Psychologie-Abschluss wie der von Super Star Rajnikanth gespielte Saravanan gefragt und er erklärt dann dieses Phänomen dann erst einmal ? in einer Szene, die in ihrer Länge unter Fans schon für Diskussionen gesorgt hat, denn man meint fast, einer ganzen Vorlesung beizuwohnen; Rajnikanth redet und redet und redet. Bevor der Film da aber gefährlich zu einem Halt kommt, wird das Finale eingeläutet, das neben den Stars und den Songs sicherlich der Hauptgrund für den großen Erfolg des Films war: Diese spannende Mischung aus durch Rückblenden verschränkter Vergangenheit und Gegenwart steigert sich in einen Rausch aus Kostümen, Tanz, Emotionen und Intensität hinein, die den Film in der Tat krönend abschließt und ihn über den Durchschnitt rettet.
Ist "Chandramukhi" als deutsche Kollywood-Premiere ein guter Einstieg in das südinsiche Filmschaffen für Zuschauer, die diese Filme nicht kennen? Vielleicht durch die sehr spezifischen Elemente dieses Films (südindisches Schönheitsideal bei Männern, viele Verweise auf indische Mythologie) eher nicht so für "Durchschnitts-Videothekenkunden", als eine Art Botschafter für Kollywood in Deutschland könnte man sich aber deutlich schlechteres vorstellen als Super Star Rajnikanth und diesen Film.
Fazit: Recht treffend besetzter und mit guten Songs versehener, tamilischer Masala-Entertainer mit gediegenem Grusel-Einschlag und hohem Unterhaltungswert.
Punkte: 7/10.
Die DVD von Ayngaran bietet den Film in recht ordentlicher Bildqualität mit leichten Aussetzern (einige Szenen wirken wie aus einem anderen Master?!), ordentlichem DD 5.1-Sound und kräftigem, wuchtigem DTS-Sound, der viel Spaß macht. Als Extras gibt es nur englische Untertitel und einige kurze Trailer. Zur Amazon-Seite der deutschen DVD geht es noch mal hier.
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Bilder:

Mit Super Star Rajnikanth legt man sich lieber nicht an.
Ansonsten wird süffisant-überlegen gedroht...

..und wenn man Glück hat, wird man nur wie ein lästiges Insekt aus dem Weg geräumt, aber...

...man kann auch Pech haben. Dann ist es etwas schmerzhaft.
Die völlig überkandidelte Anfangsszene von "Chandramukhi", die gleich gute Laune macht.

Jaja, Postkartenkitsch. Ach, warum denn mal nicht?

Super Star Rajnikanth (l.) und Prabhu (r.), ein klasse Duo. Insbesondere Riesenbär und Sympathieträger Prabhu beim Tanzen zuzusehen ist ein Vergnügen.

Die Hauptstraße von Ephesos (heute West-Türkei, südlich von Ismir).
Seufz. Genau dort stand ich auch im diesjährigen Sommerurlaub. Wäre ich zwei Jahre früher dort gewesen, hätte ich vielleicht, mit viel Glück, die Dreharbeiten als Zaungast verfolgen können...

Immerhin: Bei Geisteskrankheiten wird inzwischen auch in Indien eine realistische Inszenierung angestrebt, wie man hier sehen kann.
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Cover, Bilder. Ayngaran.
Geschrieben von Oliver unter diesem Permalink in Film: Indien
Kommentare
phryne am 20.11.2006 - 17:59
mitra am 21.11.2006 - 16:38
Mithula am 04.12.2006 - 14:04
Mathuraa am 24.02.2010 - 16:21
trotzdem finde ich dass die Gefühle besser dargestellt werden als deutsche und einige amerikanische Filme...
Gerade Jothika finde ich, dass sie einer der besten Schauspielerin der Zeit, ist, weil sie wirklich alles schauspielen kann...





