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Gesehen: Erster Sieg

Posted on | März 15, 2011 | 2 Comments

(OT: In Harm’s Way)
Kriegs-Epos von Otto Preminger, USA 1965, 160 Minuten (PAL)
Mit John Wayne, Patricia Neal, Kirk Douglas, Henry Fonda u.a.
DVD, Sprache/Tonformat: Englisch DD 5.1 Upmix, Bidlformat: 2,35:1 anamorph.
John Wayne Retrospektive

„Nur weil es alt ist, ist es nicht automatisch ein Klassiker“, sagt Justin Long so schön in „Stirb Langsam 4.0“. Otto Premingers „Erster Sieg“ blieb 1965 an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurück und gehört zu den eher weniger bekannten und im TV wiederholten Filmen mit John Wayne und Kirk Douglas. Dabei ist dieses ausufernde Kriegsepos filmgeschichtlich durchaus von Interesse, weil es mehrere Wegpunkte markiert. „In Harm’s Way“, wie der Film im Original heißt, ist der letzte große Schwarzweiß-Kriegsfilm aus Hollywood, und auch der letzte Schwarzweißfilm überhaupt von und mit John Wayne. Und auch der Film, der den Wandel zum langsamen Abstieg in der vorher ruhm- und glorreichen Karriere von Regisseur Otto Preminger beschreibt, der vorher häufig von Erfolg zu Erfolg, bei Kritiken und Publikum, wandelte. Dabei weist „In Harm’s Way“ viele Aspekte auf, die ihn noch heute interessant und sehenswert machen.

Aber zunächst zurück in der Zeit. Im Jahr 1965, also noch vor den 68er-Umwälzungen, fand eine radikale Revolution in Hollywood statt: Schwarzweiß, eben noch für viele Genres oder aus Budget-Gründen ein absolut legitimes, gängiges und vom Publikum akzeptiertes künstlerisches Mittel, geriet von einem Tag zum anderen völlig aus der Mode. Radikal. Der Wandel war so radikal, dass seit dem, es sind ja schon fast fünfzig Jahre vergangen, zwar der Schwarzweißfilm im Arthouse-Kino noch seinen Platz hat, im großen Hollywood-Kino aber von einem Tag auf den anderen so gut wie ausstarb. Kaum ein großer Schwarzweißfilm ist in den fast fünfzig Jahren seitdem noch große Aufmerksamkeit beschieden gewesen, Ausnahmen wie Lynchs „Der Elephantenmensch“ von 1980 oder Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ von 1993 (letzterer allerdings mit Farbsequenzen!) bestätigen die Regel.

Premingers „Erster Sieg“ verknüpft private Familienschicksale vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges im Pazifik, beginnend mit dem Angriff auf Pearl Harbor. Dabei werden verschiedene Familienkonstellationen durchdekliniert. Da gibt es ein Vorzeigepaar (hübsch gespielt von Tom Tyron, hinreißend gespielt von Paula Prentiss), aber auch andere Familienkonstellationen im Kontrast dazu. John Wayne spielt einen geschiedenen Captain, der seinen erwachsenen Sohn (selbst in der Navy) erst einmal wieder kennen lernen muss und Kirk Douglas spielt einen Raufbold und Schwerenöter, dessen Frau (sehr erotisch, wenn auch nur kurz zu sehen: Barbara Bouchet) mit anderen Offizieren herummacht und dafür, Strafe dafür muss nun mal sein, beim Angriff auf Pearl Harbor durch eine japanische Bombe gleich am Anfang des Films stirbt. Sowohl John Waynes Captain als auch sein Filmsohn verlieben sich in eine Krankenschwester, die beide auch noch das selbe Apartment teilen. Da sich Vater und Sohn zunächst nicht grün sind, sind Verwicklungen abzusehen..

Man merkt es schon an der Inhaltsbeschreibung: Otto Premingers „Erster Sieg“ ist kein Kriegsfilm mit melodramatischen Elementen zur Unterfütterung, sondern das Gegenteil: Der Film ist ein großes Melodram-Epos mit Kriegs-Hintergrundsrauschen; auch wenn dieses durch zwei zentrale Schlachtszenen am Anfang und am Ende auch mal lauter werden kann. Der Film spielt eigentlich nicht im zweiten Weltkrieg, sondern in Hollywoods Parallelwelt davon, und da hilft es auch nicht gerade, dass fast sämtliche Frauen im Film Frisuren tragen, die zur Entstehungszeit des Streifens 1965 en vogue waren, und nicht 1941 (das kann sogar der Verfasser dieser Zeilen beurteilen, der sich mit keinerlei Coiffeur-Fachkenntnissen rühmen kann). Dieses Parallelwelt-Gefühl lässt den Film nur bedingt gut altern, er ist von heutigen Kriegsfilmen schon sehr weit entfernt, andererseits hat der Film auch gerade da seine großen Stärken. Gravitations-Zentrum des Films ist das von John Wayne und Patricia Neal (der langjährigen Frau von Roald Dahl) gespielte Liebespaar und wenn ein Candlelight-Dinner der Höhepunkt eines 160minütigen Kriegsfilms ist, das heißt schon einiges. Selbst John Wayne taugt einmal was in einer Liebhaber-Rolle, sonst überhaupt nicht seine Stärke. In vielen seiner Western-Rollen fragt man sich ja immer, warum er überhaupt Frauen ansieht und was er von ihnen will, denn bekanntlich kann man Frauen in der Regel nicht behufen, oder satteln. In diesem Film spielt er auffallend zurückhaltend (was viele Chronisten auf seine schweren Atemprobleme zu der Zeit zurückführten, die im Entfernen eines Lungenflügels kurz nach den Drehbarbeiten mündeten), wenig aufbrausend, und gerade die Flirt-Szenen sehr überzeugend. Sogar ein Erlebnis ist Patricia Neal als seine Filmpartnerin, die mit ihrem rauen, verletzlichen, bezaubernden Charme ihre Rolle wirklich zum verlieben spielt und länger im Gedächtnis bleibt.
(Notiz an mich: Die Quellen besagen, dass Wayne und Neal vierzehn Jahre vor diesem Film schon einmal als Liebespaar in einem Kriegsfilm als noch deutlich jüngere Darsteller gemeinsam zu sehen waren, in “Unternehmen Seeadler/Operation Pacific” von 1951. Den Film muss ich sehen. Bald.)

Natürlich kehren die männlichen Hauptdarsteller auch maskuline Qualitäten heraus, John Wayne und Kirk Douglas wirken so lässig, dass sie den Krieg wohl auch alleine gewonnen hätten. Das dritte Darsteller-Schwergewicht, Henry Fonda, hat nur zwei kurze Gastauftritte und auch John Wayne und Kirk Douglas sind nicht gleichwertig zu sehen: Obwohl Douglas zu der Zeit genau so ein großer Star wie Wayne war, verweist ihn die geringe Anzahl seiner Auftritte in die zweite Reihe als Nebenrolle.

Das ganz besondere an diesem Film ist etwas, das gerade viele Kino-Zuschauer häufig nicht mögen, und was ggf. auch den Misserfolg des Films erklärt: Er ist alles andere als konzentriert erzählt und franst seine Handlung lustvoll nach hierhin und dorthin aus. Das liegt keinesfalls daran, dass sich die Buchautoren nicht zusammenreißen konnten, nein, das Ausfransen ist hier Konzept und gewollt – mit der positiven Folge, dass man sich in die geschilderte Welt sehr wohl ein Stück weit verlieren kann, auch wenn nicht jede Szene die Handlung drängend voran treibt. Man ist einfach zufrieden, „da“ zu sein, auch und gerade in den kleineren und ruhigeren Szenen.

Sowohl inhaltlich als auch formal ist „In Harm’s Way“ interessanter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

So wurde dem Film damals wie heute vorgeworfen, Krieg als Abenteuer zu verharmlosen. Zwar ist es richtig, dass dem Film keine deutliche Anti-Kriegsbotschaft abgeluchst werden kann, was nach der Logik des Films auch daran liegt, dazu kann man stehen, wie man will, dass der Angriff durch die Japaner erfolgte und sich die USA nur wehrte. Eine realistische, blutige Darstellung von Schlachten verbot 1965 noch der Haye’s Code, der zeitlich zwar bereits in seinen letzten Zügen lag und gelegentlich auch schon geschleift wurde, aber eben schon noch in Kraft war. Wenn aber Intrigen und Ränkespiele in der Militär-Hierarchie dargestellt werden und die Folgen von Schlachten mit Verletzungen und Toten keinesfalls ausgespart werden, hier sei nur auf die bedrückende, fast mutige Schlussszene verwiesen, ist Premingers Film von anderen John Wayne Gung-Ho Epen wie „Sands of Iwo Jima (1949)“ oder gar „The Green Berets (1968)“ weit, weit entfernt. Wer sich freilich daran stört, dass hier ein Kriegshintergrund im wesentlichen in den Dienst melodramatischer Verwicklungen gestellt wird, der liegt mit diesem Befund nicht verkehrt – dieses muss man aber nicht zwangsläufig negativ werten.

Formal ist fast verblüffend, wie qualitativ disparat der Film ausgefallen ist. Otto Preminger gehörte nicht ohne Grund zu den angesehendsten Regisseuren in Hollywood, viele Szenen, gerade Dialogszenen, sind fabelhaft konstruiert und inszeniert, ferner kann man sich an einigen ausgeklügelten Plansequenzen, wie gleich die allererste, delektieren. Im starken Kontrast dazu stehen allerdings die beiden Schlachtszenen. Der Angriff auf Pearl Harbor wird nur so nebenbei angedeutet durch offensichtlich einmontiertes, körniges Dokumentarmaterial von Bombern und einigen kurzen, inszenierten Scharmützeln und Bombeneinschlägen auf Straßen, und in Privathäusern. Hier sind deutliche Budget-Begrenzungen spürbar – dies wäre also noch hinnehmbar. Nicht mehr hinnehmbar ist aber das Finale, in welchem eine Seeschlacht präsentiert wird. Diese Seeschlacht ist in der Montage sehr gekonnt auf Spannung hin rhythmisiert, dies kann aber nicht verdecken, dass hier angeblich zwar sehr große und detaillierte, in Wirklichkeit aber reichlich lächerliche Modellschiffe vorgeführt werden. Ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt aber: Der Krieg im Pazifik wurde nicht in der Badewanne geführt! Die häufig schon als Tarnung im Gegenlicht fotografierten Modelle sehen so unecht, undetailliert und „klein“ aus, dass einen dieses völlig aus der Handlung wirft. Nicht hilfreich auch unheimlich ungeschickt aufgenommenes Wasser in Zeitlupe um Größe zu simulieren, was aufgrund der viel zu großen Tropfen aber niemand im Publikum abnimmt. Diese freilich gut inszenierte Modell-Schlacht wirkt so, als hätte ein sehr talentierter Cutter aus einem Ed Wood-Film das Maximale heraus geholt und diesen noch gerettet. Fast. Und diese Feststellungen liegen nun eben nicht gerade am Alter des Films und unseren heutigen CGI-verwöhnten Augen, dem Vernehmen nach protestierten beide Hauptdarsteller, John Wayne und Kirk Douglas, bereits damals gegen diese unechten Modellaufnahmen bei Preminger. Douglas soll sogar angeboten haben, auf eigene Kosten bessere, realistischere Szenen zu finanzieren – aber offensichtlich vergeblich.

Kommen wir zum Schluss. Wer sich (noch?!) auf ältere Hollywood-Filme mit den dort üblichen dick aufgetragenen melodramatischen Effekten einlassen kann, erlebt ein ausuferndes, durchaus soghaftes Kriegs-Epos mit qualitativ sehr disparaten inhaltlichen und formalen Elementen, ein interessanter, zur Auseinandersetzung mit dem Film einladender Kontrast. Ferner erlebt man ein wirklich unvergessliches Leinwand-Paar, verkörpert von John Wayne und Patricia Neal. Auch heute noch ist Otto Premingers „Erster Sieg“ deshalb einen Blick wert.

Punkte: 7/10.

Die DVD von Paramount enthält den Film in ganz ordentlicher Bildqualität und immerhin noch ein interessantes, kurzes Making Of von damals.

—–

Epilog, Anmerkung des Verfassers dieser Zeilen:

Dass ich mittel- bis langfristig den ein oder anderen John Wayne-Film besprechen möchte, hatte ich schon angekündigt.
Dieser überraschend interessante Film hier hat mich aber auch dazu verführt, mir einige Otto Preminger Filme mal wieder oder zum ersten Mal in den nächsten Wochen und Monaten vorzunehmen, darunter den Marilyn Monroe-Klassiker ‚Fluss ohne Wiederkehr’, den Gerichtsfilm „Anatomie eines Mordes“, das Israel-Epos ‚Exodus’, den Rom-Film ‚Der Kardinal’, sowie den Thriller-Kultfilm ‚Bunny Lake ist verschwunden’.


Anbieter & Cover: Paramount

Comments

2 Responses to “Gesehen: Erster Sieg”

  1. Serienfan
    März 17th, 2011 @ 10:04

    Es kommt immer drauf an wer ihn sich ansieht. Der jüngeren Generation kann sich nicht mehr dafür interessieren, da eine ganze andere Zeit herrscht.

  2. Oliver
    März 17th, 2011 @ 11:05

    Das Argument kann ich nicht nachvollziehen. Als diese Filme in Hollywood en vogue waren und erst Recht zur Zeit des zweiten Weltkrieges, war ich auch noch nicht geboren. Und interessiere mich trotzdem dafür. Der “jüngeren Generation” ist es unbenommen, sich hauptsächlich für ihre Zeit zu interessieren – aber ausschließlich, das fände ich dann doch bedauerlich – und das kann ich mir so auch nicht vorstellen. Da dürfte die Interessenlage doch auch, wie in jeder anderen Geneartion, sehr unterschiedlich sein.

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