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Donnerstag, 26.01.2012

Wie ich zum Kindle kam

Noch vor einem Jahr hätte ich es für völlig unmöglich gehalten, einmal einen Artikel zu verfassen, in welchen ich über meine ersten E-Book und E-Reader Erfahrungen schreibe.

Vorbemerkung
Die folgenden Zeilen richten sich deshalb weniger an technisch progressive Leser, die sowieso jede Neuerung gleich mit vollziehen, sondern eher an Menschen, die sich möglicherweise den gedanklichen Schritt auch noch nicht vorstellen können, ja es sogar für absurd befinden, statt eines gedruckten mal ein elektronisches Buch in der Hand zu halten. So wie ich noch vor einem Jahr, was mir inzwischen lange her vorkommt.


Das ferne Ufer
Den Aufstieg des elektronischen Buches hatte ich seit Jahren mit Skepsis beobachtet. Als begeisterter Buchsammler und haptischer Genuss-Buchleser (dieser Geruch von frischen Seiten!) war mir schon die Vorstellung ein Dorn im Auge, statt schöne Bücher in den Händen zu halten, oder mich an diesen im Regal zu erfreuen, lediglich eine körperlose Datei zu erwerben, die man nun mal nicht ins Regal stellen kann.

Auch dachte ich an einen zaghaften Versuch vor einigen Jahren zurück, bei welchem ich mir über den US-Anbieter Fictionwise.com mal die aktuellen Ausgaben der amerikanischen SF-Kurzgeschichtenmagazine wie ‚Asimov’s’ und ‚Analog’ besorgt und als PDF auf meinem Computerbildschirm gelesen habe. Beziehungsweise, versucht habe zu lesen. Eigentlich hätte ich es damals schon besser wissen müssen, aber wenn man diese Magazine seit Jahrzehnten vom (großen!) Namen her kennt und plötzlich die riesige Entfernung eines Mailorder-Abos über den großen Teich via Internet auf einen Klick zusammenschrumpft, das fand ich zunächst faszinierend und schob deshalb erstmal den Gedanken beiseite, dass ich eigentlich ja nicht gerne am Computerbildschirm lese. Dieser Gedanke holte mich dann aber schnell wieder ein, als ich merkte, dass ich nicht bereit bin, Hunderte von Seiten auf einem Computerbildschirm zu lesen, und nicht nur am Computerbildschirm, sondern vor allem auch am Schreibtisch, da damals ein Notebook noch kein Thema für mich war. Am Schreibtisch las ich genug auf der Arbeit, Prosatexte möchte ich mir aber schon etwas gemütlicher zu Gemüte führen. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ein E-Book-Reader mit elektronischer Tinte arbeitet, und dass dieses etwas völlig anderes ist, als am Computer-Bildschirm zu lesen.
Dazu gleich.

Wie gesagt, mit Argusaugen verfolgte ich den Aufstieg des E-Book und wünschte ihm alles erdenklich Schlechte, insbesondere, dass es nur eine kurzfristige Modeerscheinung bleiben möge, die schnell wieder weggeht. Das E-Book ging aber nicht weg, sondern gewann mehr und mehr an Bedeutung, insbesondere natürlich durch die Aktivitäten des Anbieters Amazon und seines Kindles, der sich als riesiger Erfolg entpuppen sollte, was selbst einem Ignoranten wie mir nicht völlig verborgen blieb; auch wenn ich die Diskussion von Bekannten über E-Books mit den diversen Formaten meist nur mit Lästereien begleitete und so gut es ging ignorierte. Ein paar Monate hatte ich sogar, weil ich es zeitweise einfach nicht mehr hören konnte und wollte - das muss man sich echt einmal vorstellen und zu Gemüte führen - in meinem Mailprogramm Thunderbird einen Filter konfiguriert, der sämtliche Mails mit dem Inhalt E-Book & co. automatisch in den Papierkorb verschob! Meine Güte, das ist noch gar nicht so lange her. Ist das lange her.


Die Überfahrt
Was brachte dann in meiner Einstellung die Wende? Zunächst im wesentlichen ein lieber Bekannter, der offensichtlich meine ständigen E-Book-Lästereien nicht mehr ertragen konnte und selbst mit seinem ja gar nicht unberechtigten Vorwurf, dass ich technisch eines Steinzeit-Mentalität pflegte, nicht bei mir durchdrang. Dieser Bekannte griff eines Tages zu einer durchaus drastischen Maßnahme. Eines Morgens fand ich in meinem Postfach einen wattierten Umschlag vor. Darin, ich musste mir die Augen reiben - ein E-Book Reader.

Mein Bekannter hatte tatsächlich ein älteres Gerät (die erste Generation der Sony Reader) ausgesondert und mir einfach als Geschenk übersandt. Ich staunte nicht schlecht. Und staunte.

Nicht nur als Pflichtschuld, sondern weil man mich mit neuer Technik durchaus begeistern kann, auch wenn ich dafür immer etwas (auch mal länger) brauche, bis ich auf so einen Zug aufspringe, begann ich mich mit dem Gerät zu beschäftigen und machte erstmals meine persönlichen Erfahrungen mit elektronischer Tinte. Diese Art der Bildschirmdarstellung ist tatsächlich durchaus sehr angenehm für die Augen und keinesfalls schlechter zu lesen als eine Buchseite, zumal man Schriften skalieren kann und es in der Tat so ist, dass sich ein solches Gerät besser in der Hand hält, als ein klobiges Buch. Klobig ist ein gutes Stichwort, dieses Gerät ist im Vergleich zum Amazon Kindle in jeder Hinsicht durchaus auch noch klobig (nichts für ungut, Dirk) und vor allem kam vor dem Vergnügen erst einmal der Fleiß: Um E-Books im EPub-Format zu erwerben, musste bei Anbietern wie Libri.de gleich 2-3 verschiedene Programme installiert werden und dann das E-Book mühsam per Kabel auf den Reader übertragen werden.

Zwei weitere sehr unschöne Erfahrungen machte ich noch: Zum einen hat man mit dem auf dem Sony üblichen EPub-Format praktisch keinen Zugriff auf den angloamerikanischen Markt, da kaum ein deutscher Anbieter viele EPub-Ausgaben anbietet und man aufgrund von lizenzrechtlichen Länder-Einschränkungen auf den meisten amerikanischen und britischen Seiten als in Deutschland Ansässiger nicht direkt einkaufen kann (sehr positive Ausnahme: Webscripton, der EBook-Shop von Baen, dessen Angebot aber leider sehr begrenzt ist). Wie ich feststellte, gab es durchaus eine wirklich tolle Auswahl an E-Books, nur leider nur bei meinem Leib- und Magenkaufhaus Amazon, und diese bieten E-Books ja ausschließlich über ihren eigenen Kindle an, dessen Dateiformat auf meinem damaligen Sony-Gerät zum einen nicht darstellbar ist und zum anderen aus DRM-Gründen auch nicht darstellbar sein soll. Man kann wohl, wenn man sich mit entsprechenden Knack-Programmen beschäftigt, diesen Schutz umgehen und Dateien konvertieren, für solche Nachtschattenmethoden bin ich aber nicht der Typ, und dies nicht nur aus moralischen und strafrechtlichen Gründen, sondern und vor allem, weil mir das einfach viel zu fummelig und kompliziert ist.
Ich lernte so ein ganz neues Problem bei Büchern kennen, das ich in fast vier Jahrzehnten noch nie kennen gelernt hatte: Kompatibilitätsprobleme. Wir halten fest: Der Kauf von EBooks umständlich, Auswahl gering, Kompatibilitätsprobleme, all dies wirkt nicht gerade wie eine leuchtende Einladung, und so hätte es eigentlich nicht verwundern müssen, wenn ich den E-Book Reader irgendwann eingemottet und mich bei meinem Bekannten ganz, ganz herzlich bedankt hätte, aber hätte mitteilen müssen, dass das leider bei mir nicht gefruchtet hat.

Es sollte aber anders kommen. Es IST komfortabel, auf einem solchen Gerät zu lesen und dieses zu transportieren. Der Bildschirm IST augenfreundlich. Und ehe ich mich versah, einige wenige Monate später, hatte ich auf diesem Sony-Gerät zwei richtig dicke Fantasy-Schwarten, dieverse Perry Rhodan-Romane und einige Manuskripte, die ich als Vorkoster bekam, gelesen und bestritt sogar meine Jury-Tätigkeit in einem Kurzgeschichtenwettbewerb ausschließlich über dieses Gerät. Noch besser: Meine Lieblingszeitschrift LOCUS (die rezensieren und berichten über angloamerikanische phantastische Literatur) ist ebenfalls in elektronischer Form erhältlich und kann so, in dieser Form, von mir bereits am ersten eines Monats gelesen werden. Ich musste nicht mehr auf die Druckausgabe per Post warten, die immer so 2-6 Wochen braucht. Bei LOCUS stellte ich im letzten Herbst das Abo von der gedruckten auf die elektronische Ausgabe vollständig um.
Kurz gefasst: Trotz der diversen Schwierigkeiten hatte ich also bereits mehrere 1000 Seiten auf einem E-Book-Reader gelesen und musste für mich selbst feststellen: Meine Vorbehalte gegenüber dieser Art des Genusses von Lektüre waren weg, wie weg geblasen. Und der Grund ist auch einleuchtend, wenn man mal Vorbehalte, die ich nun auch kräftig pflegte, beiseite lässt. Letztlich geht es doch grundsätzlich nur darum, dass man mit den Augen Buchstaben und Wörter in sein Hirn zur weiteren Verwendung transportiert, und dieses kann man mit elektronischer Tinte genauso gut wie auf gedruckten Papier.


Die andere Seite
Dass die Vorbehalte gegenüber E-Books entfallen waren, ist ja aber nur einer von zwei Schritten. Wie kam es dann, dass ich die Initiative ergriff und mir selbst einen E-Book Reader, nämlich eben jenen Amazon Kinde, zulegte? Dazu musste noch etwas mehr geschehen, und das hat unter anderem mit Musik zu tun. Ich hatte mir letzten Herbst angefangen anzugewöhnen, Musikalben nicht mehr in physischer Form als CDs, sondern nur noch als MP3-Files zu kaufen. In diesem Medium empfand ich es, trotz schöner CD-Cover und Booklets, als ausgesprochen angenehm, dass neue Alben keinen Platz mehr in meinem kleinen, begrenzten CD-Regal wegnahmen und ich vor allem diese Alben problemlos nicht nur zu Hause hören konnte, sondern als MP3-Player überall hin mitnehmen konnte ohne die CDs legal rippen zu müssen oder mit vorsinflutlichen Disc-Mans rumzurennen.
Ich hatte für mich beschlossen, dass ich, so gut es geht, gar keine CDs mehr kaufen möchte, außer diese sind wirklich besonders schön aufgemacht, oder ein Album ist wirklich nur als CD erhältlich. Auch bei DVDs und Blu-Rays begann bei mir eine mentale Wende einzusetzen, weg vom Kauf (und gegebenenfalls Verkauf, wenn ein Film nix taugte) und hin zu mehr ausleihen (bei Lovefilm.de, nicht in der Schmieri-Butze vor Ort), weil man nun wirklich nicht alles im Regal haben muss und es gerade bei nicht so tollen Filmen sehr angenehm ist, wenn man diese problemlos wieder abgeben/loswerden kann, ohne sie mühselig verkaufen zu müssen.

Diesen Platz-Komfort genießend, betrachtete ich auch meine Bücherregale mit anderen Augen und musste mir eingestehen, dass meine Sammlung mich über die Jahre hinweg schon ein wenig zu belasten begonnen hatte: Lese ich wirklich langsam vergilbende US-Mass Market Paperbacks, von denen ich Hunderte habe, noch einmal? Nein. Ziehe ich diese wirklich alle noch mal aus dem Regal hervor? Nein. Was mache ich mit Büchern, die ich mal 1994 oder 2002 oder sonst wann angeschafft hatte und von denen ich heute genau weiß, dass ich sie wahrscheinlich doch nicht mehr in diesem Leben lesen werde? Mit diesem Gedanken im Hinterkopf beschloss ich, dass ich nicht irgendwann meine Erben damit belasten will, Bruttoregistertonnen an Büchern aus meinem Haus schleppen zu müssen (der Extrem-Fall einer berühmten deutschen SF-Autorin und Witwe war mir ebenfalls ein Menetekel, obwohl ich davon wirklich diverse Kubiklichtjahre Papier noch entfernt bin), wenn ich einmal nicht mehr bin. Blieb nur das praktische Hindernis, dass Bücher über eBay oder Amazon Marketplace zu verkaufen nicht nur mühsam ist, dass ist das kleinste Problem, sondern dass viele Bücher gerade über Amazon Marketplace schlicht und einfach nicht weg gehen, auch wenn ich sie über Jahre zu Kampfpreisen einstelle, habbich alles längst versucht. Natürlich hätte ich auch noch die Alternativen Spende (wir haben in unserer Kirchengemeinde durch unsere Stiftung einen sehr schönen Spenden-Bücherflohmarkt) oder Altpapiertonne, diese wollte ich aber mir nur als Notlösung vorbehalten, weil mich das finanziell dann doch reute. Auch wenn ich natürlich weiß, dass insbesondere US-Mass Market Paperbacks nicht eben als Wertanlage taugen. Ferner, mal ehrlich: So schöne Sammlerobjekte sind diese Art der Billig-Taschenbücher, wie ich sie nun mal gerne konsumiere, mit ihren Pulp-Covern, dem schlechten Papier und der billigen Leimung nun wirklich nicht. Da bieten E-Books mehr Komfort und sie nehmen nachher keinen Platz weg. Manchmal sind die gedruckten Ausgaben sogar hässlicher: So bin ich zum Beispiel heilfroh, dass ich bei „The Wise Man’s Fear“ von Patrick Rothfuss jetzt diese fast 1.000 Seiten als EBook habe und mir nicht das spuckhässliche, schrecklich unhandliche und mies geleimte, unförmige Trade Paperback zugelegt hatte.

Durch meine Musiksammlung und auch meine Einstellungsänderung hinsichtlich DVDs hatte ich festgestellt, bzw. mir eingestehen müssen, dass mir wohl doch nicht so wichtig ist, dass ich das alles auch sammeln und haben muss. Und da war dann der Weg zum E-Book nicht mehr weit, zumal ich inzwischen erfahren hatte, dass ein Kindle sehr komfortabel ist und man sich dort die Bücher drahtlos über WLAN darauf liefern lassen kann, so das sogar noch Wege zur Post oder zur Packstation für gedruckte Bücher und Verkabel-Orgien wie beim Sony Reader entfallen würden.

Ich war eigentlich schon fast soweit, mir einen Kindle zu kaufen, gerade im Oktober/November, in welchem ich unter anderem einen Tausendseiter von Neal Stephenson („Reamde“ natürlich) las, über dessen Gewicht und Unhandlichkeit ich jeden Tag bei der Lektüre fluchte. Das einzige, was mich noch hinderte war, dass ich ein pathologischer Seitenzahlenfetischist bin und zu meinem Schrecken erfahren hatte, dass ein Kindle diese nicht darstellt (der Sony arbeitet mit Näherungswert-Algorithmen). Sicher, durch die freie Skalierbarkeit von Buchstaben und E-Book-Seiten verlieren Seitenzahlen etwas an Bedeutung, dies ist aber eine Angewohnheit, die ich nicht missen und von der ich nicht lassen möchte. Mir ist es immer sehr wichtig, genau zu wissen, auf welcher Seite eines Buches ich mich befinde. So hatte ich vor unzähligen Jahren mal eine im Selbstverlag herausgegebenen Fantasy-Schwarte des Autors Guido Krain, der später durch lächerliche juristische Manöver zu kurzfristiger zweifelhafter Berühmtheit gelangen sollte, nur aus dem Grund nicht gelesen, weil der Autor und Möchtegernverleger tatsächlich vergessen hatte, sein Buch mit Seitenzahlen zu versehen und ich nicht um die 500 Seiten seitenzahlenblind lesen wollte und den irren Gedanken, das Buch selbst zu nummerieren, irgendwann beiseite geschoben hatte. Allerdings versprach Amazon bei den Seitenzahlen auf dem Kindle Nachbesserung, insbesondere weil es Beschwerden aus akademischen Kreisen gab, die nun mal gerne zitieren (müssen) und auch genau zitieren müssen, wie auch Nichtakademiker Anfang letzten Jahres durch einen gewissen Politiker erfahren durften. Amazon hat dann wohl einen Algorithmus entwickelt, der vermutlich per einfachem Dreisatz die Seitenzahlenangaben des Verlages mit den gelesenen Prozent auf dem Kindle ins Verhältnis setzt, so dass der Kindle jetzt zumindest bei schon vielen Büchern auch einen Seitenzahlen-Zähler anbietet. Letztes mentales Problem beseitigt.

So gab es dann zwei Wochen vor Weihnachten für mich kein Halten mehr und ich bestellte mir ein solches Gerät. Ich war in der glücklichen Lage, dass mich dieses Gerät dann zum einen zu einem Wochenende erreichte, so dass ich mich diesem zeitlich ausgiebig widmen konnte und zum anderen brauchte ich aufgrund einiger lukrativer Buchverkäufe auch kein schlechtes Gewissen zu haben, als ich dieses Geld dann gleich in neue E-Book investierte, was dann selbst für Bücher galt, die ich mir erst kürzlich angeschafft hatte und die ich nun ungelesen wieder dem Verkauf zuführen konnte und wollte.

Dies soll eigentlich keine Kindle-Rezension des Gerätes werden, davon gibt es genug im Netz, deshalb darf ich hier mich dahingehend kurz fassen, dass die Navigation auf diesem Gerät wirklich ein Kindlespiel ist und man sich mit wenigen Tasten wirklich sehr komfortabel durch Menüs und Bücher bewegen kann. So attraktiv wie gefährlich ist natürlich, dass man neben dem PC sowohl auf dem Kindle, als auch auf dem Smartphone Kindle-Books kindleleicht (Ok, genug Kindle-Wortspiele, versprochen) einkaufen kann, die einem dann sofort geliefert werden, der Einkauf ist somit derartig einfach gestaltet, dass man sich wirklich beherrschen muss, denn jeder dieser kurzen Klicks kostet natürlich entsprechend Geld. Für Shopping-Süchtige ist das wirklich fatal, und wenn ich Millionär oder einfach etwas unvernünftiger wäre, hätte ich mir gut und gerne hunderte von E-Books kaufen können.

Wobei mir hier die Beherrschung doch leicht gemacht wird, damit wären wir wieder beim Sammeln oben: Es stellt natürlich keine große Sammel-Befriedigung dar, Bücher auf dem Kinde zu sammeln, was eine natürliche Kaufbeschränkung insofern auferlegt, als dass man EBooks wirklich nur dann kauft, bzw. kaufen sollte, wenn man diese dann auch wirklich bald liest. Diese Tatsache, dass man also nicht fürs Regal kauft und die Tatsache, dass Kindle Books in der Regel ein ganzes Stück günstiger sind, sollten die reinen Anschaffungskosten für dieses Gerät binnen kurzer Zeit amortisieren helfen.

Wobei das mit dem günstigen Preis im wesentlichen nur für den US-Markt gilt. Nach meiner Erfahrung Kosten EBooks von amerikanischen Mass Market Paperbacks zwischen fünf und sieben Euro - das ist natürlich nicht so viel günstiger als die gedruckte Ausgabe, diese wird aber ja bereits zu Dumping.Preisen angeboten und wir wollen jetzt auch nicht zu gierig werden. Für die E-Book-Äquivalente von amerikanischen Trade-Paperbacks und Hardcovers muss man in der Regel bei Amazon zwischen 9 bis 15 Euro hinlegen, was auch noch in Ordnung ist, wenn man unbedingt ein neues Buch haben möchte. Leider noch völlig in der Steinzeit verharrt hier der deutsche Markt, hier wird einfach immer der Preis des gedruckten Buches angepeilt und ein kleiner Abschlag vorgenommen, so dass es zumindest bei neueren Büchern durchaus nicht selten ist, dass man um die oder sogar über 20 € dafür bezahlen darf, und für E-Book Äquivalente von Taschenbücher auch fast regelmäßig noch über zehn Euro. Hier haben deutsche Verlage offensichtlich noch nicht begriffen, dass EBooks auch andere Käuferschichten ansprechen, die im Zweifel eben nur das E-Book kaufen würden und nicht die teurere gedruckte Ausgabe, und die von solchen Preisen verschreckt werden. Es macht nun mal zumindest in der Käufermentalität einen gewaltigen Unterschied aus, ob man ein physisches Buch in der Hand hält oder ein E-Book, dies sollte sich auch deutlich im Preis niederschlagen. Natürlich stöhnen Verleger, Buchhändler und Autoren und diese sollen ja auch ihren Schnitt machen (the spice must flow, schließlich), vielleicht sollte man aber zumindest in den nächsten Jahren eher darauf sein Auge richten, dieses Medium EBook als zusätzliche Einnahmequelle zu etablieren und sich gegebenenfalls sogar neue Käufergeschichten zu erschließen, die dann Erosionen in anderen Buchsegmenten auffangen helfen könnten.

Nebenbei: Großer Verlierer dieser Entwicklung sind selbstverständlich die lokalen Buchhandlungen, weil Kunden per Klick alles von zu Hause erledigen können. Das vor einigen Jahren mal angedachte Modell einer Art Buch-Zapfsäule in der Buchhandlung, in welcher man dann seinen USB-Stick reinsteckt, ist natürlich rechtschaffen absurd, wer schleppt sich denn in eine Buchhandlung, wenn man die vier Buchstaben auch im Sessel lassen und per Klick so einkaufen kann, dass man das E-Book dann ohne weiteren Aufwand sofort auf seinem Gerät wieder findet?

Was lokale Buchhandlungen angeht, habe ich persönlich eher ein gutes Gewissen, weil meine ‚Geldströme’ dadurch nicht groß im Vergleich zu vorher umgeleitet werden: US-Mass Market Paperbacks habe ich schon immer bei Amazon.de gekauft, diese kann man einfach nicht im lokalen Buchhandel kaufen. Weil dort der lokale Buchhandel einfach nicht mithalten kann, der in der Regel nur britische und nicht amerikanische Taschenbücher anbietet, und diese auch noch überteuert, mit längeren Lieferzeiten und dem netten Hinweis, dass man auch noch in Kauf nehmen und dieses abnehmen muss, wenn das Buch bei der Lieferung beschädigt wird.
Schöne Bücher, Bildbände, Fachliteratur oder Bücher gewisser Autoren, werde ich auch in Zukunft in gedruckter Form erstehen, so dass mein lokaler Buchhändler durch mich keine großen Verluste erleiden wird; ich werde weiterhin dort gerne einkaufen. Ich will ja nun auch gerade nicht hysterisch ins andere Extrem (siehe ganz oben) verfallen und vollständig ins EBook rüber machen.

Bleiben wir noch bei den Markt-Beobachtungen, es gibt viele Entwicklungen, die vorher mangels EBook-Interesse in letzter Zeit an mir vorbeigegangen waren und die durchaus interessant sind. Beispiele. So bietet der amerikanische Bestseller-Autor Dean Koontz nun regelmäßig vor seinen Dezember-Thriller im November eine Prequel-Novelle zu diesem jeweils neuen Buch nur als E-Book an. Ferner, Leser dieses Blogs wird das nicht verborgen geblieben sein: Der indische Autor Ashok Banker, der vor einigen Jahren angekündigt hatte, dass er sich ausschließlich auf den indischen Buchmarkt zurückzieht und seine Bücher nicht mehr weltweit anbietet, bietet seine Werke inzwischen auch auf dem Kindle an, so dass mir der Zugriff zu dessen Büchern wieder möglich ist, wovon ich in diesem Jahr ja bereits drei Mal Gebrauch gemacht habe.
Auch meine überregionale Tageszeitung DIE WELT ist auf dem Kindle erhältlich und hier habe ich ohne zu zögern sofort den entsprechenden Schritt vollzogen: Kein unhandliches übergroßes Format am Esstisch und verstopfte Briefkästen mehr, über 100(!) Euro Ersparnis im Jahr und vor allem, da meine lokalen Zusteller keine überregionalen Zeitungen austragen und ich auf die Post angewiesen war: Die WELT wird mir jetzt immer schon um 2:00 Uhr nachts geliefert und nicht um 2:00 Uhr nachmittags, so dass ich tatsächlich mal meine überregionale Tageszeitung bereits zum Frühstück und nicht erst in der Mittagspause lesen kann, wenn viele Nachrichten schon veraltet sind, was für DIE WELT im besonderen Maße gilt, da diese Redaktion sehr gerne immer sehr früh Feierabend macht.
Über LOCUS hatte ich oben schon geschrieben, diese Zeitschrift lese ich halt jetzt nicht mehr auf meinem Sony Reader als EPub, sondern auf dem Kindle im Mobi-Format, ebenfalls immer pünktlich am ersten eines Monats. Wobei, was auch sehr praktisch ist: LOCUS wird nicht über Amazon angeboten, sondern muss erstmal auf die Festplatte von der entsprechenden Homepage geladen werden. Dann hat man es aber sehr einfach: Jeder Kunde bekommt für seinen Kindle eine eigene E-Mail-Adresse zugewiesen und kann dann diese und andere Dateien an diese E-Mail-Adresse schicken mit der Folge, dass die dann 15-30 Minuten später sich per WLAN auf dem eigenen Kindle wieder finden. Mal ehrlich, mehr Komfort ist schwer vorstellbar.

Noch faszinierender, und damit schließt sich ein Kreis zu einer Begebenheit oben: Fast sämtliche angloamerikanischen SF-& Horror-Kurzgeschichtenmagazine sind auch als Kindle-Book erhältlich, und das gilt auch und gerade, sonst hätte ich darauf auch kein Zugriff, für Amazon.de. Es wird zwar noch nicht im Kindle-Zeitschriftenshop angeboten, man muss aber nur entsprechend suchen, dann kann man für ‚Asimov’s’ und ‚Analog’ ein Abo für jeweils nur 2,99 Euro im Monat abschließen, was ich aus Unterstützegründen sofort getan habe, auch wenn ich vermutlich nur selten die Zeit finden werde, diese Magazine (geschweige denn komplett) zu lesen. Nicht im Abo, aber ebenfalls erhältlich sind so gut wie sämtliche anderen größeren Magazine wie Clarkesworld, Lightspeed und so weiter. Einzige negative Ausnahme ist die britische TTA Press, deren Magazine Interzone und Black Static nur über Ficitonwise.com und mit einem halben Jahr Karenzzeit(stöhn!) zur Printausgabe veröffentlicht werden. Das mag als Exklusivangebot an die Bezieher der Druck-Ausgabe nett sein, wirkt aber irgendwie wirklich sehr steinzeitlich, wenn man ausgerechnet die elektronische Ausgabe einer Zeitschrift erst ein halbes Jahr später entstehen kann.
Das Angebot bei diesen Zeitschriften auf dem Kindle ist so umfänglich, dass richtige Lücken direkt auffallen, wobei mir hier bisher nur das Subterranean Magazine aufgefallen ist, das es gar nicht als Kindle Book gibt.


Schluss
Nach gut anderthalb Monaten als Kindle-Besitzer (dieser Artikel hier war laaange in Arbeit) kann ich sagen: Ich bin mehr als angetan von dem Komfort-Zuwachs, den ein solches Gerät mir als Leser bringt. Der Einkauf ist leichter, die Böden in meinen Bücherregalen dürfen und können merklich durchatmen (Händler wie Momox.de und Rebuy.de erhalten regelmäßig Pakete von mir und ich dafür Geld), meine Tageszeitung ist schneller da und deutlich handlicher geworden, und ich habe leichten Zugriff zum US-amerikanischen Magazinmarkt. Buchneuerscheinungen muss ich nicht in der Packstation entgegen fiebern, diese sind häufig schon am Morgen des Veröffentlichungstages zum Frühstück zusammen mit der Zeitung auf dem Kindle da, ein glückselig machendes Erlebnis für ungeduldige Kunden wie mich. Was will man mehr?

Nicht nur allgemein, auch bei mir persönlich werden Eook und E-Book Reader, siehe oben, wohl keine kurzfristige Mode sein, die schnell wieder weggeht. Ich gehe davon aus, dass ich auf absehbare Zeit bei so einem Gerät bleiben werde. Und ich werde gespannt die entsprechende Entwicklung verfolgen, die an Dynamik kaum zu überbieten ist. So wird allein Amazon sicherlich jedes Jahr ein bis zwei neue Generationen seines Kindle auf den Markt bringen, nicht nur, weil dieser ein so großer Erfolg ist, sondern weil technisch durchaus noch Luft nach oben ist: Elektronische Tinte bedingt bisher nur schwarz-weiß-Darstellungen und da man sich heute doch sehr an ein Touchscreen gewöhnt hat, ist es eher fummelig, im Kindle-Shop auf dem Gerät selbst mit einer Tastenkreuz herum zu navigieren und auch auf diese Art und Weise eine Tastatur zu bedienen (jaja, ich hätte das teurere Kindle-Gerät mit Tastatur kaufen können, schon klar).
Kürzlich las ich in einem Messebericht, dass zwar Farb-Bildschirme mit elektronischer Tinte noch nicht richtig möglich sind, dass man aber an Readern mit einer Dual-Technik arbeitet, dass man also zwischen LCD und elektronischer Tinte hin- und herschalten kann. Da EBooks sich auch gerade für den immer noch immens boomenden Tablet-Markt anbieten und Amazon diesen aufmischen möchte mit seinem Kindle Fire, der wohl Ende des Jahres auch nach Deutschland kommt, ist ein solches duales Modell nur ein logischer Schritt.

Mein Ziel mit diesem Artikel war nicht, Leser für E-Book-Reader zu begeistern oder gar zu missionieren, dafür werde ich auch nicht bezahlt. Wenn ich aber dem einen oder anderen, der noch dieselbe Skepsis hegt wie ich in den Anfangskapiteln, jetzt einige seiner oder ihrer Vorbehalte nehmen konnte, dann hätte ich mein Ziel erreicht und kann die hier in den Überschriften beschriebene Flussfahrt für einige Leser vielleicht abkürzen.

Insbesondere auf dem Komfortzuwachs kann man gar nicht oft genug hinweisen, dadurch wird man richtiggehend verwöhnt und verzogen, das sollte auch den letzten Technik-Saurier (wie ich auch mal einer war) überzeugen.

Dieses Jahr warten nicht nur der zweite Rothfuss (s.o.), sondern auch Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ und der „Zauberberg“ noch als Lektüre auf mich – jetzt natürlich im E-Book. Die Vorstellung, einen Tausendseiter im unhandlichen und schweren Hardcover noch einmal gedruckt stemmen und in der Hand halten zu müssen, macht mir inzwischen richtiggehend Angst. Das klingt verweichlicht? Hey, wir reden hier sowieso die ganze Zeit von einer Tätigkeit, der man lümmelnd im Sessel, im Zug, auf dem Sofa oder im Bett nachgeht.

Zu all diesen Orten ist mir mein Kindle ein ständiger und lieber Begleiter geworden.

Dienstag, 24.01.2012

Ich lese jetzt

Eigentlich hatte ich nach Ende der Lektüre von "The Forest of Stories", dem ersten Band der Mahabharata-Nacherzählung von Ashok K. Baker geplant, mich entweder mal ein wenig Stephen King ("11/22/63" und einige Novellen) oder einer modernen Space Opera wie Alastair Reynolds' "Blue Remembered Earth" zu widmen. Die aktuellen Besprechungen des King-Romans im deutschen Feuilleton und meine Lektüre einiger Texte über die moderne Space Opera steigerten meinen Wunsch sogar noch.
Dann passierte es: Mich nahm die archaische, altindische Mythenwelt des Mahabharata mit ihren Priestern, wunderschönen Frauen, mächtigen Königen, millionenfachen Schlangen-Feueropfern und gegenseitigen lebenslangen Verfluchungen mit Blindheit und Unfruchtbarkeit wegen eines Haars in der Suppe (im wahrsten Sinne des Wortes) so gefangen, dass ich nahtlos und für mich selbst unerwartet mit Band 2, "The Seeds of War" weiter gemacht habe. Banker hat das Mahabharata in 18 Romanen nacherzählt, Band 3 erscheint als EBook im Februar. Ferner könnte ich von ihm noch jeweils 8 Krishna- und Ramayana-Romane lesen, sowie weitere Krimis und SF-Romane, genug Stoff bis mindestens Weihnachten. Das muss und soll aber nicht, ich möchte dieses Jahr dann doch auch noch mal was anderes lesen. Ich nehme mir also vor, nach diesem Band 2 erstmal siehe oben (Reynolds, King). Aber wer weiß, was mit mir am Ende von "The Seeds of War" passiert.
Ich mag es sogar, mich mit sowas selbst zu überraschen.

Neben einigen kleinen Rezensionen muss ich nun endlich mal den lange versprochenen und nun schon häufiger nachgefragten Kindle-Artikel angehen. Dessen Struktur steht, ich muss nur noch mal 2-3 Stunden am Stück oder portioniert dafür finden.

Montag, 23.01.2012

Gesehen: Atemlos vor Angst

(OT: Sorcerer)
Thriller von William Friedkin, USA 1977, 122 Minuten (NTSC)
DVD (Vollbild (cropped)/Mono) bei Universal USA (Import)

Sehr aufwändige Hollywood-Neuverfilmung von Henri-Georges Clouzots „Lohn der Angst“ (Le Salaire de la Peur, 1953, klarer Fall von 10/10 Punkten). Das Original um vier Männer, die zwei Lastwagen mit Nitroglyzerin durch den südamerikanischen Dschungel fahren müssen, dürfte bis heute immer noch das Non-plus-Ultra der Filmgeschichte und die letztgültige Antwort in Sachen Spannung und Fingernägel kauen sein.
Das Remake habe ich mir einerseits in meiner kurzen Reihe mit Filmen mit Tangerine Dream-Scores angesehen, dieses war der erste Film mit Musik der Band um Edgar W. Froese und Tangerine Dreams Durchbruch in Hollywood, dem in den 80ern noch viele Soundtrack-Aufträge folgen sollten. Der TD-Score ist ungewöhnlich für so einen Film, schräg, aber doch passend, weil er die fiebrig-irreale Atmosphäre des Dschungels gut akzentuiert.
Andererseits habe ich mir den Film mal wieder angesehen um mir endlich einmal anzutrainieren, ihn zu mögen. Denn eigentlich ist alles da: Beeindruckend aufwändige Spannungsszenen (die Fahrt über eine schlingernde Holzbrücke bei sinnflutartigem Regen ist ein unglaublicher Anblick), statt Yves Montand und Peter van Eyck im Original die keineswegs schlechteren Roy Scheider und Bruo Crémer im Remake und Action-Genie William Friedkin („The French Connection“) hinter der Kamera.
Das mit der Liebe hat aber wieder nicht so richtig funktioniert.
Der Grund ist wohl, dass die Figuren einfach nicht so gut wie im Original entwickelt sind und die Spannungsszenen in Timing und Einstellungen nicht so gekonnt die Intensität des Clouzot-Films erreichen. Dadurch wirkt der Film auch ein ganzes Stück zu lang, obwohl er fast eine halbe Stunde kürzer(!) als das 2 1/2-stündige Original ist, und strapaziert mitunter die Geduld. Enttäuschung abhaken und zurück ins Regal. Wiedervorlage 5-10 Jahre.

Punkte: 6/10


Die uralte US-DVD von Universal ist nach dem Wunsch des Regisseurs im beschnittenen Vollbild. Immerhin bekommt man hier den Film in voller Länge zu sehen. Den eropäischen Verleihern war „Sorcerer“ (auch) zu lang, so dass man für die europäische Auswertung (auch in Deutschland) die einführenden 28 Minuten, in welchen schematisch bei einem nach dem anderen der Anti-Helden jeweils erläutert wird, warum er eine Lebenskrise erlebt und jeweils im Dschungel landet, gestrichen hatte, so dass aus einem gut zweistündigen Film nur ein Anderthalbstünder wurde. Wie man es auch macht, ist es verkehrt: Die europäische Version konturiert die Helden noch viel weniger, so dass man noch weniger emotional involviert wird, die vollständige US-Fassung wirkt dafür mit ihren 122 Minuten schlich zu lang. Vielleicht ist in 5-10 Jahren zumindest mal eine restaurierte Version im vollständigen Bildformat zu haben. Dann probieren wir das mit der Chance wirklich noch einmal.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in DVD

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Donnerstag, 19.01.2012

Gesehen: 'Rheingold' + 'Big in Japan'

von Klaus Schulze
Konzertmitschnitte

'Rheingold - Live at the Loreley 2008', 2 DVDs bei SPV, ca. 109 Minuten + 130 Min Bonusmaterial
'Big in Japan - Live in Tokyo 2010', 1 DVD (ca. 79 Minuten) + 2 CDs, bei M.I.G.

Wer braucht schon Stadioneinheizer, Gitarrenabstrampler und Rampensäue? Nein, eine grandiose Bühnenperformance geht so: Ein Mann mitte Sechzig sitzt inmitten einer furchterregend hohen 360-Grad-Technik-Burg aus Keyboards, Sequenzern und analogen Synthesizern auf einem Bürodrehstuhl und schraubt in Ruhe an Myriaden von Knöpfen herum. Dadurch erklingt wunderschöne elektronische Musik in häufig über 30 Minuten langen Tracks, die zwischen sphärischen Klangteppichen und durchaus mitreißend rhythmischen Passagen changieren, und Verstand und Gefühle in eine ganz andere Welt entführen.

Die Rede ist von Klaus Schulze, Pionier elektronischer Musik der Berliner Schule, sehr kurzfristig Mitglied Anfang der siebziger Jahre in den Bands Tangerine Dream und Ash Ra Tempel, dann 40 Jahre bis heute als Solokünstler tätig, in welchen er mehrere Dutzend Platten alleine und mit anderen Musikern veröffentlicht hat, darunter Geniestreiche wie „Mirage“, „Timewind“ und „Moondawn“.

Gesichtet wurde hier sein Auftritt auf dem Night of the Prog-Festival auf der Loreley 2008 (die DVD „Rheingold“), und sein Auftritt in Tokio 2010 („Big in Japan“), letzterer auf Einladung eines schwerreichen japanischen Fans seiner Musik.

Dem am Mikrofon auch nach so langer Karriere immer noch etwas linkisch und sympathisch-bescheiden wirkenden Schulze macht, wenn er in seinem Element ist, niemand etwas vor und die Ehrfurcht wächst noch, wenn man sich das Offensichtliche klarmacht: Dass es sich hierbei im wesentlichen um, wenn auch sequenzergestützte, Improvisationen handelt.
Bei dem Loreley-Konzert wird er unterstützt von der australischen Improvisations-Sängerin Lisa Gerrard und spielt neue Tracks, während er in Japan ganz alleine auftrat und seine Sequenzer sogar schon mal ein paar Minuten auf der Bühne alleine lässt – ein wunderbarer, unglaublicher Moment, siehe hier:
Insbesondere bei dem Auftritt in Tokyo reiht sich ein Track-Highlight an das andere, darunter zwei neue Versionen seines Meisterwerks „Crystal Lake“ von der Platte „Mirage“ von 1977 (diesmal namens „The Crystal Returns“ und „A Crystal Poem“), sowie das brillante Stück, nomen est omen, „Sequencers are Beautiful“, aus dem auch der Ausschnitt oben stammt.

Ein ersichtlich mit Talent verschwenderisch überhäufter, hochgradig faszinierender Musiker, in dessen Klangwelten man aufgehen und sich darin verlieren kann. Muss. Hoffentlich bleibt Schulze, der dieses Jahr 65 wird, seine Schaffenskraft noch lange, lange erhalten.

Punkte Rheingold: 8/10
Punkte Big in Japan: 9/10

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Rheingold enthält neben dem 109 minütigen Konzert auch noch eine üppig ausgestattete Bonus-Disk mit zwei Interview-Featurettes in einer Länge von insgesamt 130 min.
Das Set "Big in Japan" kommt auf zwei CDs und einer DVD daher, wobei die DVD nur zwei längere Tracks und nicht das ganze Konzert enthält, nämlich "A Crystal Poem (visual version)" und das brillante "Sequencers are beautiful" in voller Länge, welches auf CD nur in einer kürzer abgemischten Version vorliegt. "Big in Japan" erschien in Japan, den USA und Europa in unterschiedlichen Ausführungen.


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Anbieter & Cover: SPV (Rheingold), M.I.G. (Big in Japan)

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Musik

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Mittwoch, 18.01.2012

Gelesen: Regicide

Roman von Nicholas Royle,
ca. 188 Seiten, Kindle-Edition, erschienen 2011 bei Solaris Books

Nicholas Royle (das Debüt seines Namensvetters wurde hier gestern besprochen), Autor diverser Romane und noch mehr Kurzgeschiten und Dozent für kreatives Schreiben in Manchester, legt mit „Regicide“ seinen neuesten Roman nach einer längeren Pause vor, in welcher er ausschließlich Kurzgeschichten veröffentlichte. Das Buch handelt von dem Eigentümer eines Plattenladens, der gerne französische Literatur liest (der Titel bezieht sich auf einen französischen Roman), sich in eine Frau verliebt und rätselhafte Dinge erlebt: Telefone, die immer klingeln, Karten, die Straßennetze zeigen, die nicht existieren und dann gerät er in eben jene nicht existente Stadt auf dieser Karte...
Das klingt nicht nur so, das liest sich auch wie ein Werk von Jonathan Carroll. Royles spezifische Stärke, seine ganz eigene Art von Traumlogik-Schilderung findet sich hier kaum, sondern leider nur ein altbacken und allzu vertraut wirkender Ausflug in den dezenten Surrealismus à la der schlechteren Romane von Carroll. Die erste Hälfte, die sich auf die Liebesgeschichte konzentriert und mit Alltags- und Freundschaftsbeobachtungen aufwartet, ist deutlich stärker – das ist angesichts des Themas aber eher ein Armutszeugnis. Ein lesbarer, aber wahrlich kein bemerkenswerter Roman.
Punkte: 5/10


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Anbieter & Cover: Solaris Books

Dienstag, 17.01.2012

Gelesen: Quilt

Kurzroman von Nicholas Royle,
ca. 144 Seiten, Kindle-Edition, erschienen bei Myriad Editions 2011 (Print-Ausgabe 2010 bei Turnaround P.S.)

Nichoals Royle, Professor für Literatur und Autor diverser Monographien (u.a. das für Phantastik-Fans interessante Werk „The Uncanny“), legt mit „Quilt“ seinen ersten Roman vor. Das Buch handelt von einem Mann, dessen Vater gerade verstorben ist und der sich um die Sterbe-Formalitäten kümmern muss. Ferner kehrt er in das Haus seiner Jugend zurück und sortiert die Habseligkeiten und den Nachlass seines Vaters.
Royles erster Ausflug ins Prosafach liest sich leider so, wie es das üble Klischee von einem Literatur-Dozenten erwarten lässt: Ausgesprochen gedrechselte, anstrengende Sprache und ein Text, dem man die Anstrengung des Autors jederzeit anmerkt. Das alles ist durchaus kunstvoll konstruiert und verflochten, und einige Detail-Beobachtungen sind gut gelungen, insgesamt fehlt dem Text aber genau das, was der Autor im Nachwort fordert: Ein emotionaler Bezug. „Quilt“ ist ein kalter, lebloser, trockener Text, was insbesondere angesichts des emotionalen Themas sehr bedauerlich ist. Trotz der Kürze ist man froh, wenn man die Lektüre beendet hat. Vielleicht sollte Royle bei Monographien bleiben.
Punkte: 4/10


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Anbieter & Cover: Myriad Editions

Samstag, 14.01.2012

Gesehen: Die Drei Musketiere

(OT: The Three Musketeers)
Literaturverfilmung von Fred Niblo, USA 1921, 118 Minuten (PAL)
DVD (Vollbild/Mono) bei Schröder Media
Schwerpunkt: Dumas’ “Die Drei Musketiere”

Erste große Hollywood-Verfilmung des Dumas-Romans, entstanden im gleichen Jahr wie das große französische Film-Serial von Henri-Diamant Berger. Da man im Gegensatz zur französischen Konkurrenz nur knappe zwei Filmstunden zur Verfügung hatte, konnte man selbstverständlich nicht den ganzen Roman vollständig verfilmen. Wie auch die aktuelle Verfilmung von Paul W.S. Anderson aus dem letzten Jahr wurde deshalb nur das erste Drittel des Dumas-Buches verfilmt, von D’Artagnans Ankunft in Paris bis zu der Affäre mit den gestohlenen Juwelen um die Königin bloßzustellen. Mit der Aufnahme von D’Artagnan bei den Musketieren endet diese Hollywood-Verfilmung, die ganz den Studio-Konventionen der damaligen Zeit verhaftet ist und heute etwas schlecht gealtert ist.
Warum der neunzehnjährige, drahtige Draufgänger D’Artagnan von einem untersetzten, erstaunlich pomadigen Enddreißiger gespielt wird, macht Douglas Fairbanks, sr. durch seine bis heute staunenswerte Akrobatik, gerade in den Fechtszenen, schnell vergessen. Spätere Fairbanks-Vehikel („Der Dieb von Bagdad“, „Robin Hood“) besaßen deutlich mehr visuellen Einfallsreichtum und Extravaganz, auch wenn diese Dumas-Verfilmung die Grundlage für Fairbanks spätere Karriere bildete – und Vorbild für zahlreiche spätere angloamerikanische Musketiere-Adaptionen werden sollte.
Punkte: 6/10

Die deutsche DVD aus der Reihe „Silent Classics“ kommt „restauriert“ daher, was allerdings schlicht bedeutet, dass man den Film durch einen Computer-Filter gejagt hat und bietet, das ist durchaus ein anerkennenswerter Service, immerhin die Wahl zwischen deutschen und englischen Texttafeln. Deutliche Abzüge gibt es aber für die den Filmgenuss sehr störende, Ohrenbluten verursachende, wirklich grauenhafte Dudelsoße, mit welcher der Film unterlegt wurde.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Hollywood

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Donnerstag, 12.01.2012

Gelesen: The Iron Bra

Krimi von Ashok K. Banker,
ca. 178 Seiten, Kindle EBook 2011, ursprünglich: Mumbai 1994

Der auf englisch schreibende indische Autor Ashok Banker, außerhalb Indiens vor allem für seine „Ramayana“-Nacherzählung bekannt, ist ein literarischer Tausendsassa und hat sich bereits in fast allen fiktionalen und nicht fiktionalen Literaturgattungen probiert. Viele dieser Texte legt er jetzt über seinen EBook-Internetshop AKB EBooks neu auf, so auch drei Anfang/Mitte der 90er erschienene Krimis, die lange, lange vergriffen waren und nun via Amazon über den Kindle wieder erhältlich sind.
„The Iron Bra“ handelt von einer besonders toughen Polizisitin in Mumbai, die nach einem erfolgreichen Anschlag auf einen Chefredakteur, dessen Zeugin sie wird, die Killer ausgerechnet des größten und gefährlichsten Gangsters in Mumbai erschießt. Der ihr dann natürlich auf Rache sinnend nach dem Leben trachtet. Aber auch die Polizistin hat mit diesem Gangster noch eine Rechnung offen…
Der Roman zeichnet sich durch einen hohen Bleigehalt und eine flächendeckend triefende, kaum fassbare Korruption aller Beteiligten außer der Heldin aus, die sich in einer extrem feindlichen Männerwelt behaupten muss, einer Welt, in der ihr schon deswegen Hass und Gewalt entgegen schlägt, weil sie keinen Sari trägt und nicht ausschließlich nur Kinder gebärt. Sicher, der Klischeefaktor ist hoch und der Roman reiht eigentlich nur eine Action- und Folterszene an die andere, das ganze ist aber so flott und rasant erzählt, und erzählen kann Banker, dass man sich auf diesen kurzen, heftigen Ritt durch die Unterwelt von Mumbai gerne einlässt. Keine große Literatur, sicherlich, für Krimifans, die mal literarisch einen Trip nach Mumbai wagen wollen, aber durchaus eine Reise wert.
Punkte: 7/10.

Achtung, Hinweis: Es hilft bei der Lektüre von „The Iron Bra“, wenn man zumindest die indische Alltags-Kultur ein wenig kennt (Bollywoodkonsum, wie beim Verfasser dieser Zeilen, reicht größtenteils), man wird sonst mit indischen Eigenheiten und Namen, die nicht erklärt werden, erschlagen.

Dienstag, 10.01.2012

Gesehen: Der Tod läuft hinterher

TV-Krimi von Wolfgang Becker, DTL 1967, ca. 200 Minuten (drei Teile)
DVD (Vollbild/Mono) bei Universal Music

Die 60er: Das Kino hatte seine Edgar Wallace, die ARD ihren Francis Durbridge und das ZDF hatte – nix. Um diese Krimi-Gerechtigkeitslücke zu schließen, bat man Wallace-Teilzeit- und den späteren Derrick-Autor Herbert Reinecker in den Jahren 1967-1969, drei Vorlagen für dreiteilige Kriminalfilme zu schreiben, die an internationalen Schauplätzen spielten und durch die Besetzung mit den großen Wallace-Stars atmosphärisch (bewusst) kaum von diesem zu unterscheiden waren.
Der hier besprochene „Der Tod läuft hinterher“ ist der erste von dreien dieser Mini-Serien und handelt von einem Ingenieur (Fuchsberger), der nach langer Auslandsreise wieder zurück nach England kommt und feststellen muss, dass seine Schwester unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Er beginnt zu ermitteln und das lustige an diesen Filmen, in welchem der Held kein Polizist ist, ist immer, dass die handelnden Personen und der Drehbuchautor irgendwann schlicht und einfach vergessen, bzw. ignorieren, dass da jemand mit kriminalen Befugnissen handelt, die dieser gar nicht hat: Inspektoren behandeln ihn wie einen Kollegen, alle Zeugen lassen sich willig befragen. Wir wollen das aber nicht vertiefen, die Amtsautorität von Blacky Fuchsberger versteht sich ja irgendwie von selbst, egal, welchen Beruf seine Figuren ausüben.
Weniger lustig und eher muffig ist die manische Fixierung auf damals wohl noch ‚verruchte’ Nachtclubs, deren geschwungene Frauenbeine heute vermutlich nicht einmal mehr die MDR-Fernsehballett-Zuschaueropas in Wallung versetzen würden.
Um eine Handlung von über drei Stunden zu füllen, bedient sich Autor Reinecker keinesfalls eines langen und eleganten Spannungsbogens, sondern eher primitiv dem Prinzip der Perlenkette, indem er genug Figuren eingeführt, die man erst länger vorstellen und dann unsanft aus dem Leben scheiden lassen kann. Trotzdem: Die starke Besetzung mit Joachim Fuchsberger, Elisabeth Flickenschildt und Pinkas Braun, sowie die auch durch die Peter Thomas-Musik von Erich Ferstl unterstütze typische Krimiatmosphäre der sechziger Jahre bleibt unverwüstlich und unschlagbar. Auch wenn dieser Film hier eher zu den schwächeren dieser filmisch eher biederen Fernseh-Dreiteiler gehört, was vor allem daran liegt, dass die eigentliche Kriminalhandlung völlig unterentwickelt wirkt und der Schluss schwach konstruiert hingeschludert wurde, und enttäuscht.
Trotzdem: Wegen Blackys Handkante, Pinkas Brauns stählernen Augen und der herrlich arrogant hoch gereckten Nase der Flickenschildt nach wie vor einen Blick wert.

Punke: 6/10

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in DVD

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Montag, 09.01.2012

Umstellung im OliBlog

Nächsten Samstag wird dieses Blog acht Jahre alt.

Wer das Treiben hier schon über einen längeren Zeitraum verfolgt, ist es gewohnt, dass hier thematisch und inhaltlich häufiger Haken geschlagen werden. Im Gegenteil, den Verfasser dieser Zeilen wundert es nach wie vor sehr, dass es tatsächlich Leser gibt, die sich eine Mischung aus süßlichem Bollywood am einen Tag und bluttriefendem Splatter-Opus am anderen Tag, Thomas Mann-Filetsteak und Heftchenroman-Nackensteak gleichzeitig auf dem Teller, sowie feinsinnige Filmkunst à la Béla Tarr oder Terrence Malick und feinsinnige Knochenknackkunst à la Steven Seagal gleichzeitig einfach so gefallen lassen. Thematisches Hakenschlagen dürfen also fast alle hier Mitlesenden längst eingepreist haben.

Heute habe ich eine wichtige strukturelle Änderung bekannt zu geben.

Im letzten Jahr häuften sich die Wochen, in welchen schon einmal gar nichts oder nur ein Eintrag hier online ging. Ich war selten so ehrlich in meinem Leben, wenn ich sage, dass ich auch nicht ein Mikro-Quentchen Lust oder Freude an diesem Blog verloren habe, einzig, ich kann aus beruflichen und privaten Gründen das mitunter in den letzten Jahren eingeschlagene Tempo einfach nicht (mehr) halten. Hatte ich insbesondere bei Filmen bereits die doch sehr fummeligen und aufwändig zu erstellenden Screenshots (ich bewundere meinen sehr geschätzten Mitschreiter Marco von molodezhnaja.ch, der das seit über einem Jahrzehnt täglich mehrfach bewerkstelligt) und auch die Cover-Wiedergaben schon vor einiger Zeit größtenteils eingestellt, werde ich dies wohl jetzt durchgängig machen müssen. Bei Büchern sieht es etwas anders aus, weil ich dort einfach in der Regel meinen Nachttisch-Link in der Spalte rechts übernehmen kann.

Dies wäre aber noch keine einschneidende Änderung.
Einschneidend wird sein, dass ich mich dazu entschieden habe, die Textlänge pro Eintrag drastisch zu reduzieren um überhaupt einmal wieder hinterher zu kommen. Im Gegenzug dazu möchte ich aber im wesentlichen schon zu einer täglichen Update-Frequenz zurückkehren. Ausführliche und filigrane Analysen gibt es genug im Web, ich möchte mich mit diesem Blog auf die Kernaufgaben konzentrieren, weswegen ich es betreibe: Zum einen Missionierung, ich möchte meine Blog-Leser mit meiner Begeisterung für die hier besprochenen Materien anstecken, und zum anderen einfach hoffentlich möglichst vielfältige Anregungen zu geben. Um wieder zu einem halbwegs vernünftigen Eintrags-Rhythmus zurückzukehren, werde ich in Zukunft deshalb pro Buch, Film oder auch einmal Musikalbum nur 5-10 Zeilen nach einem festen Schema schreiben: Anlass der Besprechung und kurze Einordnung, knappe Inhaltsangabe und dann eine Wertung.

Durchaus hatte ich mit dem Gedanken gespielt, lieber die längeren Einträge beizubehalten und dafür weiterhin eine Postingfrequenz von einem Eintrag alle 7-14 Tage in Kauf zu nehmen, sah aber zwei große Nachteile: Zum einen springen wohl doch recht viele Leser ab, wenn man nicht regelmäßig updated und zum anderen ein psychologisches Problem: Jeden Tag, an welchem ich an mein Blog denke und nichts Neues schreiben kann, denke ich, ich könnte, müsste, sollte und würde am liebsten…. Langfristig wäre dies schon geeignet, mir die Freude daran zu verderben, ich bin auch ständige „Entschuldigung, kommt später"-Einträge leid, dann lieber regelmäßige und dafür kurze Einträge mit der Einladung, sich nötigenfalls selbst weiter zu informieren, wenn einen etwas interessiert. Dafür ist das Netz ja auch eigentlich da und nichts anderes mache ich persönlich ja auch.

Ich weiß, dass sich hier auch Leser tummeln, die gerade längere Analysen schätzen, denen möchte ich auch gar nicht ein eher sauertöpfisches „Ich werde hierfür nicht bezahlt“ entgegenschleudern, sondern einfach nur bedauernd sagen: Es geht halt nicht anders. Und: Selbstverständlich wird es bei gewissen Anlässen auch noch längere Einträge geben. Dies wird nicht nur für bestimmte Rezensionen gelten, sondern auch für Sonderbeiträge wie Con-Berichte u.a., sowie meinen schon angesprochenen Kindle-Artikel, in welchem ich auch schildere, wie ich im Moment mein Rezeptions- und Sammelverhalten bei Büchern, Filmen und Musik drastisch umstelle (Stichwort: Kubikmeterreduzierung).

Vielleicht wissen es oder lernen auch einige Leser zu schätzen, dass sie in der Vielzahl der Angebote die es heutzutage gibt, hier nicht so viel und nicht so lange lesen müssen – und bleiben dann hier. Dies würde mich freuen, denn, da wollen wir ruhig ehrlich bleiben, man betreibt zwar so ein Blog auch aus Enthusiasmus und für sich selbst, aber natürlich auch, weil man gelesen werden möchte. Deshalb schließe ich diesen Artikel hoffnungsfroh mit dem Satz: Wir lesen uns. Und, ja, das bedeutet: Bereits Morgen (vielleicht sogar noch heute) sollte der nächste Eintrag folgen.

Kommentare hierzu sehr gerne willkommen.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Intern

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Mittwoch, 28.12.2011

Zwischen den Jahren

macht dieses Blog mal Urlaub.

Ich sitze schon einige Zeit geistig an einem längeren Artikel über meine ersten Erfahrungen mit dem Kindle (ja, ich habe auch zur digitalen Seite der Macht rübergemacht), der hoffentlich in der ersten Januar-Woche online geht.

Film:
Sehr aufregende Filme habe ich die letze Zeit nicht gesehen. Mitte Januar werde ich wohl einen Schwerpunkt zu den Borgia-Filmen online stellen können. Bei den "Drei Musketieren" mit Douglas Fairbanks, den nächsten Eintrag meines Bildstreifen-Schwerpunktes zu den vier Herren, bin ich ein wenig weg genickt, das lag aber nicht am Film. Den werde ich nochmal sehen müssen.
Spektakuläre Neuigkeiten habe ich sonst nicht zu vermelden, auch wenn ich mit großem Interesse gesehen habe, dass Artificial Eye in England nun in drei Sets sämtliche(!) Filme von Theo Angelopoulos (keine Lust mehr auf Griechenwitze dieses Jahr) veröffentlicht. Nur: Collection 1 ist seit ein paar Tagen bei Amazon UK und Play.com wie von Geisterhand verschwunden. Oder bin ich zu blind zum suchen?

Bücher:
EBooks kann man ja nicht in die Ecke pfeffern, und dem Kindle will ich das nicht antun. Wie dem auch sei: Ich habe nach zehn Jahren Abstinenz mich mal wieder an meinem ehemaligen Leib- und Magenautor (in den 90ern) Dean Koontz versucht und bin abermals mal wieder gescheitert. Der geht für mich nicht mehr. Der Kerl schreibt einfach zu mechanisch, routiniert und vorhersehbar, die in Stil und Charakterisierungen vorherrschende, ja, wie soll man das nennen, Putzigkeit? ertrage ich nicht mehr. Deshalb habe ich seinen brandneuen Roman "77 Shadow Street" (gestern erschienen) nach nur ca. 50 Seiten aufgegeben. Sowas kann ich einfach nicht mehr lesen, und das lag nicht nur daran, dass mir die Geisterscheinungen dieses Spukhaus-Romans gleich auf den ersten Seiten selbst erzählten, dass sie indianischen Ursprungs (die uralte ehemalige Indianerfriedhofnummer) sind, und was sie vorhaben. Ob ich mich geschmacklich weg entwickelt habe, oder ob Mr. Kooontz nachlässt, das kann ich gar nicht richtig entscheiden.

Jetzt lese ich "The Iron Bra" von Ashok K. Banker, die Wiederauflage eines harten Cop-Thrillers aus dem Jahr 1993 mit dem Schauplatz Mumbai.
Auf Banker bin ich ebenfalls wieder durch den Kindle gestoßen: Von diesem indischen Autor, der im letzten Jahrzehnt mit seinem Ramayana-Zyklus auch in Deutschland reüssierte, dachte ich, müsste ich mich endgültig verabchieden, weil er nur noch Bücher und EBooks für indische Leser anbieten wollte. Nun hat Banker den Kindle für sich entdeckt und man kann ganz bequem via Amazon.de in seine neuen Zyklen Mahabharata (geplant: 18 nicht dünne Bände, urgh) und Krishna Coriolis einsteigen. Was ich zumindest mal versuchen werde. Daneben wird er SF (hört! hört!), einige zeitgenössische Romane und eben Krimis wie den obigen (teils wieder-)veröffentlichen. Banker werde ich definitiv eine oder mehrere Chancen geben. Vielleicht bleibe ich ja dran.

Danach habe ich mir dann "Regicide" von Nicholas Royle und "Quilt" von Nicholas Royle vorgenommen. Ja, das sind zwei verschiedene Autoren. Ersterer ist der von mir sehr geschätzte britische Grusel-Autor und Dozent für kreatives Schreiben mit seinen Geschichten voll flirrender (Alb-)Traumlogik, die mich außerordentlich faszinieren. Der andere, sein Namensvetter, ist ein britischer Litertaturprofessor, dessen Monographie "The Uncanny" ich mal gerne gelesen habe (klar, bei dem Thema). "Quilt" ist dessen Roman-Debüt. Zwei Dozenten, die Prosa schreiben. Gar nicht so leicht auseinander zu halten.

Musik:
Musikalisch bin ich im Moment immer noch im Krautrock unterwegs und höre vor allem gerne Künstler in der Tradition der Berliner Schule wie Klaus Schulze oder auch Manuel Göttsching (Ash Ra Tempel/ashra).
Die letzten Tage aber habe ich mich musikalisch vor allem mit Jerome Froese befasst, Sohn von Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese. Jerome war selbst 16 Jahre (von 1990-2006) Mitglied von TD und auch musikalisch ist die Verwandtschaft nicht ganz zu leugnen. Jeromes Arbeiten (er benutzt u.a. die Gitarre als eine Art "Synthesizer-Ersatz") gefallen mir gut, meine Weiterempfehlung gilt aber vor allem für Freunde eher ruhigerer Musik.
Ferner habe ich die letzten Wochen mich mal durch die Alben von den Nine Inch Nails gehört. Trent Reznor ist sicher ein kerniger Typ und der Sound der Band teilweise toll, trotzdem, vielleicht liegt es an meiner Indifferenz zum Rock, konnte mich die Discographie der NIN bis 2007 nicht eben begeistern, keines der Alben so richtig. Am besten sind da noch einige Remix-Scheiben wie z.B. "Fixed". Vielleicht sind ja die beiden 2008 veröffentlichten kostenlosen Scheiben, die vierfach-EP "Ghosts" und das Album "The Split" besser, sowie Reznors neues Projekt How to Destroy Angels, die ebenfalls bereits ein Album vorgelegt haben.

Und nun? Wünsche ich allen meinen Lesern einen guten Rutsch und ein schönes, erfolgreiches und frohes Jahr 2012.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Intern

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Freitag, 23.12.2011

"..OF DUNGEONS DEEP, AND CAVERNS OLD.."

Ja, ich habe bis heute gewartet und nicht, wie sich das eigentlich gehört, den Trailer am Mittwoch Morgen um Punkt 4.00 Uhr (MEZ), als er online ging, hier eingestellt. Viele "trauten" sich das sowieso nicht, um nicht wegen der Uhrzeit als Nerd dazustehen, also dass man für sowas nachts auftseht - aber, denke ich, dazu kann und sollte man doch ruhig stehen.
Ich verlinke erst heute, weil ich den Trailer erstmal auf mich wirken lassen wollte. Aufgrund der Vorweihnachtszeit kam ich leider nur dazu, ihn in den letzten beiden Tagen gut 4-5 Dutzend Mal zu sehen, kann aber jetzt schon sicher sagen, dass er mich wieder verzaubert hat. Dieser Zwergen-Song! Lesnies agile Kamera. Gandalf. Die neue Shore-Musik. Ein kerniger Thorin Eichenschild. Ein perfekt besetzter Bilbo... Natürlich: Bilder, Musik und Montage suggerieren "nur" eine Verlängerung des cineastischen "Herr der Ringe", wer aber das kleine "Hobbit"-Buch von Tolkien kennt, hat auch nicht groß etwas anderes erwartet.
Und, mal ehrlich, wir sind ja hier unter uns: Das ist doch auch das, was wir uns erhofft und herbei gesehnt haben. Was freue ich mich auf die nächsten beiden Weihnachtsfeste..Bis dahin:

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Hollywood

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Dienstag, 20.12.2011

Gelesen: The Christmas Wedding

Romanze von James Patterson und Richard DiLallo,
288 Seiten, Kindle-Edition, Century UK, erschienen 2011

Amerikas mit Abstand erfolgreichster Thriller-Autor versucht sich immer wieder auch in anderen Genres. Dies ist nicht mal seine erste Romanze (der Patterson-Roman „Sundays at Tiffanys“ war ein großer Erfolg und wurde auch fürs TV verfilmt) , und angesichts des Titels verwundert es auch nicht, dass dieser geschäftstüchtige Autor das Buch natürlich vor dem Weihnachtsgeschäft platziert hat.

Die wenig glaubwürdige und schematisch konstruierte Handlung ist schnell erzählt: Gabrielle, Witwe und Mutter von vier Kindern lädt mit einer Videobotschaft ihre längst erwachsenen Sprösslinge zum Weihnachtsfest zu sich ein mit dem Clou, dass sie an Weihnachten einen neuen Mann zu heiraten gedenkt – wobei drei Bewerber infrage kommen und sie wird erst auf der Hochzeit sagen, welchen der drei Männer sie heiratet!

Gelesen: The Corn Maiden and other Nightmares

Kriminal-Kurzgeschichtensammlung von Joyce Carol Oates
365 Seiten, Kindle-Edition, Mysterious Press, erschienen 2011

Die große Dame der amerikanischen Literatur und regelmäßige Nobelpreis-Kandidatin, die auch in diesem Blog inzwischen regelmäßig besprochen wird, veröffentlicht nicht nur jedes Jahr eine neue Kurzgeschichtensammlung, sondern wandelt neben Literatur-Literatur auch immer wieder auf Genre-Pfaden, insbesondere im Territorium zwischen Krimi und Horror. Was sich bei ihr allerdings nur insofern äußert, dass ihre üblichen Geschichten um Familienzwiste und Seelenpein anders als sonst gegen Ende mit Mord und Todschlag garniert werden. So auch hier in dieser eher schwächeren, durchschnittlichen Kurzgeschichtensammlung, aus welcher keine einzige Geschichte heraus ragt oder im Gedächtnis bleibt. Allenfalls noch die Titelgeschichte, die eine Kindesentführung mit einigen überraschenden Wendungen erzielt. Für Anhänger der Autorin natürlich Pflicht und einigermaßen gut zu lesen, aber definitiv kein Muss.
Punkte: 5/10

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Anbieter & Cover: Mysterious Press

Gelesen: Reamde

Thriller von Neal Stephenson
1044 Seiten, Hardcover, William Marrow, erschienen 2011

Kann man ernsthaft einen über tausendseitigen Roman als Erholungsurlaub und Zwischendurch-Fingerübung eines Autors bezeichnen? Bei Neal Stephenson kann man das. Nach seinem fast 3000seitigen Baroque-Zyklus und dem ebenfalls vor Ambition strotzenden und platzenden „Anathem“, in welchem der Autor mal so eben die gesamte Geschichte der westlichen Philosophie in ihre Einzelteile zerlegt und neu aufgebaut hatte, reibt man sich als langjähriger Leser des Autors diesmal fast die Augen, dass man es ‚nur’ mit einem vergleichsweise konventionellem Agenten- und Action-Thriller zu tun hat, auch wenn Abenteuer- und Action-Elemente im Werk des Autors schon immer eine große Rolle gespielt haben.

Donnerstag, 15.12.2011

Gesehen: Sieben Filme

Mal wieder die Liste der zu rezensierenden Filme rechts in der Blog-Spalte entleerend, folgen hier kurze und hoffentlich prägnante Eindrücke zu sieben Filmen, bei welchen Zeit oder Muße keine längere Besprechung möglich machen, oder die keiner längeren Besprechung bedürfen.


Cave of Forgotten Dreams
Dokumentarfilm von Werner Herzog, Frankreich 2010, 89 Minuten (BD, 24fps)
Blu-Ray, Sprache/Tonformat: Englisch DTS-HD MA, Bildformat: 1080p 1,85:1 anamorph
Vom französischen Kulturministerium genehmigter und teilfinanzierter Dokumentarfilm des besten deutschen Filmregisseurs Werner Herzog über die Chauvet-Höhle in Südfrankreich, in welcher in einer Art Zeitblase 30.000 Jahre alte Höhlenmalereien zu bestaunen sind.
Herzog geht dann auch ausführlich auf diesen zeitlichen Abgrund ein, die große Faszination für diese Malereien ist ihm in jeder Einstellung anzumerken. Herzog-Dokumentationen sind aufgrund seiner längst zum Kult gewordenen englischen Erzählstimme, der ausgewählt erlesenen Musik und der Themenwahl immer sehenswertes Pflichtprogramm, und so ist auch dies ein weiterer beeindruckender Herzog-Film.
Gleichwohl gehen Werner Herzog manchmal die Pferde durch, der Zuschauer hat sich deutlich, wirklich deutlich früher an diesen Höhlenmalereien satt gesehen als Herzogs Kamera, da kann noch so schön sphärische Musik erklingen. Insbesondere ein fast zehnminütiges Entlangstreichen der Kamera an den Malereien kurz vor Schluss strapaziert etwas die Geduld.
Punkte: 8/10
Gesichtet wurde die britische Blu-Ray.

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My Son, My Son, what have ye done?
Kriminalfilm von Werner Herzog, USA 2009, 83 Minuten (DVD-PAL)
DVD, Sprache/Tonformat: Englisch DD 5.1, Bildformat: 1,78:1 anamorph
Nach „Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans“ ein weiterer in den USA entstandener Krimi von Werner Herzog, deutlich kleiner und unaufwändiger. Der immerhin von David Lynch(!) produzierte Film erzählt in verfremdeter Form die wahre Geschichte eines Schauspielers, der in einer Aufführung der Orestie mitspielte und wie im Stück auch im wahren Leben seine Mutter ermordete.
Wer den Film lediglich in der Erwartung sieht, was das Duo Herzog/Lynch wohl in ihrer ersten Zusammenarbeit zu Stande bringt, da liefern die beiden prompt, man bekommt einige schön schräge Momente geboten, diese sind allerdings nur kurz und verhältnismäßig ‚milde’. Vor allem können sie aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film aus seinem Thema, der Vermischung von Realität und Kunst, recht wenig macht und letztlich wie eine ziemlich nichtssagende Fingerübung wirkt.
Punkte: 5/10
Gesichtet wurde die britische DVD.

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Giorgio Moroder presents Metropolis
SF-Film von Fritz Lang/Giorigo Moroder, DTL/USA 1927/84, 83 Minuten (DVD-NTSC)
DVD, Sprache/Tonformat: Englisch DD 5.1 Upmix, Bildformat: 1,33:1 Vollbild
Vergewaltigung. Leichenschändung. Was wurde dieser Film damals angegangen, als er 1984 in die Kinos kam! Un der Tat muss man erst einmal schlucken: Giorgio Moroder nahm Fritz Langs Metropolis, sammelte in jahrelanger Kleinarbeit das meiste Filmmaterial zu Metropolis zusammen, was zum damaligen Zeitpunkt vorhanden war – und schnitt den Film dann zu einer Pop-Oper um, färbte ihn ein und eliminierte die Untertitel!
Fairerweise muss man sagen, dass das Resultat eben keine Travestie, sondern ein ganz eigenes Kunstwerk ist, das vor allem den Lang-Film ja keinesfalls ersetzen sollte und welches durchaus in einigen Momenten ziemlich gut funktioniert, Langs Szenen geschickt unterstreicht oder diesen neue, interessante Aspekte abgewinnt.
Diese Version war ein Vierteljahrhundert weltweit lang nicht im Heimkino zu sehen, erschien nun endlich zumindest in den USA wieder auf DVD und Blu-Ray und verblasst heute natürlich angesichts der glanzvollen Restaurationen des Originalfilms von 2002 und vor allem 2010.
Als interessantes filmgeschichtliches Kuriosum ist er heute vor allem deswegen sehenswert, weil er uns eben nicht eine modernisierte Version von Fritz Langs „Metropolis“ präsentiert, sondern aufgrund des inzwischen auch beträchtlichen zeitlichen Abstandes zum Jahr 1984 uns Fritz Langs „Metropolis“ aus der künstlerisch/musikalischen Sicht der achtziger Jahre bietet und dieses Jahrzehnt aus jeder einzelnen Pore atmet. Insofern nicht nur ein Zeitdokument seiner Entstehungszeit 1927, sondern auch der zweiten Entstehungszeit im Jahr 1984.
Diese Kombination ist durchaus reizvoll, wenn man mit der heute teilweise doch eher sperrig klingenden Musik der achtziger Jahre zurechtkommt.
Punkte: 7/10
Gesichtet wurde die US-DVD.

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Super 8
SF-Abenteuerfilm von J.J. Abrams, USA 2011, 112 Minuten (BD, 24fps)
Blu-Ray, Sprache: Englisch DTS HD-MA, Bildformat: 1080p 2,35:1 anamorph
Kinder-Hobbyfilmer erleben einen Zugunfall mit, nach welchen sich rätselhafte Phänomene häufen: Sind Aliens auf der Erde gelandet? Diese von Steven Spielberg selbst produzierte Hommage an Steven Spielberg von Erfolgsregisseur J.J. Abrams macht nach seiner „Star Trek“-Neubelebung schon wieder alles erschreckend richtig: Endlich mal ein Sommer-Blockbuster, mit dessen Charaktere man etwas anfangen kann und der sehr gut unterhält und vor allem die Atmosphäre der Spielberg-Klassiker, die er beschwören will, perfekt einfängt: „E.T.“ und „Unheimliche Begegnung der 3.Art“.
Staunenswert bombastische Spezialeffekt-Szenen lassen uns auch nicht vergessen, dass wir inzwischen im Jahr 2011 angekommen sind, so dass dieser Film ein hervorragendes Angebot sowohl für jüngere Zuschauer darstellt, als auch für solche, die jung waren, als die entsprechenden Spielberg-Filme in die Kinos kamen. Wohlige Schauer der Nostalgie lassen einen dann auch in mildem Licht großzügig übersehen, dass letztlich doch nur eine recht provinzielle und altbackene Geschichte erzählt wird.
Punkte: 8/10
Gesichtet wurde die US-Blu-Ray (codefree)

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Planet Der Affen: Prevolution
(Rise of the Planet of the Apes)
SF-Film von Rupert Wyatt, USA 2011, 105 Minuten (BD, 24fps)
Blu-Ray, Sprache: Englisch DTS HD-MA, Bildformat: 1080p 2,35:1 anamorph
Als Prequel zu dem großen Klassiker „Planet der Affen“ (1968) mit Charlton Heston konzipierter Wissenschaftsthriller um intelligente Affen, die sich ihre unmenschliche Behandlung nicht länger gefallen lassen wollen und den Aufstand proben.
Kein Wunder, dass dieser Film so ein großer Erfolg war, hier wurde fast alles richtig gemacht, vor allem eine mitreißende Geschichte erzählt. Der Film erschlägt einen geradezu mit großen Namen. Nein, diesmal nicht vor der Kamera, hier wird auf verhältnismäßig neue Gesichter gesetzt, sondern hinter der Kamera: Der legendäre Maestro Patrick Doyle zaubert einen schönen Score, die beiden Montage-Könige Hollywoods Conrad Buff und Mark Goldblatt (u.a. diverse James Cameron-Filme) haben aus dem Material eine ungemein dichte und fesselnde Filmerzählung gestaltet, und größter Aktivposten des Films ist eine wirklich die Kinnlade zigfach herunterklappen lassende Kameraarbeit von niemand geringerem als Andrew „Herr der Ringe“ Lesnie. Da sieht man gerne nach, dass die Handlungslogik nicht durchgehend überzeugen will und die Affen zu häufig, trotz grandioser Animation, als Geschöpfe aus dem Computer erkennbar sind.
Punkte: 8/10
Gesichtet wurde die deutsche Blu-Ray.

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Conan der Barbar
(OT: Conan the Barbarian)
Fantasy-Film von Marcus Nispel, USA 2011, 112 Minuten (DVD-NTSC)
DVD, Sprache/Tonformat: Englisch DD 5.1, Bildformat: 2,35:1 anamorph
Zweite große Verfilmung des legendären Barbarenkriegers, in die Schuhe von Arnold Schwarzenegger schlüpfte der Hawaiianer Jason Momoa.
Der Ruf des deutschstämmigen Regisseurs Marcus Nispel verfestigt sich einmal mehr: Der Name Nispel steht für viel Blut und Werke, die häufig hinter den Erwartungen zurückbleiben (wie sein „Freitag, der 13.“-Remake). So leider auch hier.
Zwar ist diese Neuauflage halbwegs kurzweilig ausgefallen und unterhält angemessen barbarisch tatsächlich mit einer großen Menge saftig verschüttetem Filmblut, mit großem Missfallen muss man aber registrieren, dass die zu häufig eingesetzten Action-Szenen nur wenig inspiriert choreographiert sind, und aufgrund eher generischer Kostüme und Kulissen die präsentierte Fantasy-Welt nie richtig zu eigenem Leben erwacht, trotz ersichtlich betriebenem großen Aufwandes.
Da braucht man nicht mal zu Arnold zurück zu blicken um festzustellen: Bitte keine Fortsetzung! Unsere Gebete zu Kromm werden wohl auch erhört, da dieser Film hier ein kräftiger Kassenflop war.
Punkte:5/10
Gesichtet wurde die US-DVD, die US-Blu-Ray ist nicht codefree.

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Die Prinzessin von Montpensier
(La Princess de Montpensier)
Historienfilm von Bertrand Tavernier, Frankreich 2010, 134 Minuten (DVD-PAL)
DVD, Sprache/Tonformat: Französisch mit engl. UT, Bildformat: 2,35:1 anamorph
Episoden aus dem Leben einer französischen Adeligen namens Marie de Mézières zur Zeit der Religionskriege in den letzten Regierungsjahren des Hauses Valois (Katharina de Medici u.a.). Der Film mündet ein in die Bartholomäusnacht von 1572 und passt damit gut zum Henri IV-Schwerpunkt dieses Jahr in diesem Blog.
Historiendrama dieser Art sind im Kino und Fernsehen nun nicht eben rar gesät, und so besteht immer schnell die Gefahr, in Routine zu erstarren. Diese Gefahr wischt der Film in einem Handstreich zur Seite und manchmal zahlt es sich tatsächlich aus, wenn ein Altmeister auf dem Regiestuhl sitzt, wie hier Bertrand Tavernier: Die Qualität dieser Produktion ist schlicht und einfach hervorragend: Kamera, Musik, Montage und vor allem die Beschwörung von Atmosphäre sind schlicht meisterlich, die letztlich schon handelsübliche Handlung wird von talentierten Darstellern getragen. Die Moderne zieht in den Film ein durch harte, fesselnde Schlachtszenen und eine moderne Sicht auf die Geschlechterrollen der Charaktere, so dass dem Stoff jede Form von Gemütlichkeit ausgetrieben wird. Ein parkendes, herausragendes Werk, eine Zierde für den Historienfilm.
Punkte: 9/10
Gesichtet wurde die britische DVD, die ebenfalls die deutsche Fassung enthält, was das Cover aber verschweigt(!).

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in DVD

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Montag, 12.12.2011

Gesehen: Lost Highway

Noir-Thriller von David Lynch, USA 1997, 135 Minuten (BD, 24fps)
Mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty u.a.
BD, Sprache/Tonformat: Englisch DTS HD-MA, Bildformat: 1080p 2,35:1 anamorph

“Funny how secrets travel..” singt David Bowie über dem Vorspann. Ärger über eine matschige alte deutsche DVD (noch im Jewel Case) und ein günstiges Blu-Ray Angebot führte zu einer Wiederbegegnung nach langer Zeit mit diesem Film-Juwel aus den späten Neunzigern des letzten Jahrhunderts. Wobei die Angst auf dem „Lost Highway“ mitfuhr, ob die grandiosen Erinnerungen an diesen Film auch etwas der Verklärung geschuldet waren. Sie sind es zum Glück nicht. In seiner wechselvollen Karriere zwischen Oscar-Liebling („Der Elefantenmensch“, zumindest Nominierungen), auf höchstem Niveau gescheiterten Kassengift („Der Wüstenplanet“), Jahrzehnt-Meisterwerk („Blue Velvet“), Festivalliebling, heute erstaunlicher Weise vergessen („Wild at Heart“) und TV-Kulthit („Twin Peaks“) mit gescheitertem Epilog („Twin Peaks – Fire Walk with me“) stellte „Lost Highway“ 1997 einen einsamen Höhepunkt im Schaffen von David Lynch dar. Durchaus in der Kritik nicht unumstritten und kein großer Kassenerfolg, stürzte sich gerade der akademische Betrieb auf „Lost Highway“ – inzwischen dürfte fast zu jedem Filmrätsel eine Doktorarbeit existieren.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Hollywood

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Gesehen: Die Drei Musketiere

(OT: Les Trois Mousquetaies)
Film-Serial von Henri-Diamant Berger, Frankreich 1921, 14 x ca. 26 Minuten
Mit Aimé Simon-Giard. Henri Rollan, Charles Martinelli, Pierre de Guingand u.a.
DVD, Sprache/Tonformat: Französisch DD 2.0 mit frz. UT, Bildformat. Vollbild 1,33:1
Filmreihe: Die Drei Musketiere

Erste vollständige, mit großem Aufwand gestaltete Verfilmung des berühmten Romans (1844) von Alexandre Dumas als 5 1/2stündiges Serial à 14 Episoden.
Aufgrund des großzügigen Zeitkontingents können alle wesentlichen Episoden des langen Romans abgehandelt werden, keine wesentliche wird ausgelassen. Gleichwohl ist dies keine „Komplettverfilmung“, der dialoglastige Roman von Dumas wird insofern auf die Leinwand gebracht, als dass die einzelnen Handlungsepisoden stummfilmisch auf ihren Kern verdichtet werden, denn für eine Zeile-für-Zeile Verfilmung (die wir ja auch, Gott bewahre, gar nicht haben wollen!) sind auch fünfeinhalb Stunden viel zu kurz.
Der betriebene Aufwand in Kulissen und Komparsen ist enorm und heute putzig wirkende gemalte Schlossmauern sieht man gerne nach, das Filmerlebnis ist aber trotzdem eher durchwachsen.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Europa

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Freitag, 09.12.2011

Besinnliche Adventszeit

Auch hier im Blog. Deshalb diese Woche mal keine neuen Einträge.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Intern

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Freitag, 02.12.2011

Gesehen: The Tree of Life

Kosmisches Familiendrama von Terrence Malick, USA 2011, 139 Minuten (BD-24fps)
Mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain u.a.
Blu-Ray, Tonformat: Englisch DTS HD-MA, Bildformat: 1080p 2,35:1 anamorph

Das Amt des Regisseurs, auf dessen herausragende Werke man sehnsüchtig jeweils viele Jahre warten muss, hat nach dem Tod von Stanley Kubrick der Amerikaner Terrence Malick inzwischen vollumfänglich übernommen. Nach seiner in ihrer hypnotischen Schönheit bezwingenden Pocahontas-Paraphrase „The New World“ von 2005 mussten die Malick-Jünger wieder sechs Jahre warten, bis sein neues Magnum Opus fertig war: „The Tree of Life“. Prominent besetzt mit Brad Pitt und Sean Penn, verklammert Malick auf gedanklich waghalsige Weise die Entstehung der Erde und des Kosmos mit der sehr privaten Geschichte einer amerikanischen Familie in den 1950ern, deren Söhne unter einem allzu strengen Vater (Pitt) leiden. Viel extremer vom Großen zum Kleinen und zurück ist kaum vorstellbar.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in DVD

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Gesehen: Metallica - Some Kind of Monster

Dokumentarfilm von Joe Berlinger & Bruce Sinofsky, USA 2003, 140 Minuten (DVD)
DVD, Sprache/Tonformat: Englisch DD 5.1, Bildformat. 1,78:1 anamorph

Mehrere Jahre zwischen 2000-2003 umfassender Dokumentarfilm an der Seite der berühmtesten Metal-Band überhaupt, Metallica, zur Zeit eines Tiefpunkts der Bandgeschichte und in der Entstehungsphase des umstrittenen achten Studioalbums „St. Anger (2003“).

Auch wenn bei Metallica mir Kirk Hammett einer der besten Gitarristen der Welt spielt, war diese Band immer das Projekt der beiden großen Alphatiere James Hetfield (Gesang, Gitarre bzw. Bass) und Lars Ulrich (Drums). Hammett kommt in dem Film nur am Rande vor, verdreht häufig die Augen und gewinnt Sympathie dadurch, dass er an einer Stelle berichtet, dass er zwangsläufig sein Ego immer zurückfährt.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in DVD

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Dienstag, 29.11.2011

Gehört: 30 Alben (Kurzeindrücke)

Langjährige Leser meines Blogs sind Interessen-Schlenker längst gewöhnt (und lieben oder hassen sie), hier ist mal wieder einer. Da ich im Moment viel Lust auf Musik habe - darüber schreibe ich hier ja auch nicht zum ersten Mal - hier mal nachfolgend kurze Eindrücke von 30 Alben, die ich in den letzten Wochen und Monaten Monaten gehört habe.

Keine musikwissenschaftlichen Abhandlungen, in der Regel down&dirty in drei Zeilen plus Note. Nur ein Eindruck halt. Wer möchte, möge bitte gerne unten kommentieren, ob er oder sie hier so etwas häufiger mal lesen möchte. Nebenbei: Sorry für die Textlastigkeit. Aber wenn ich hier 30 Cover einkopieren müsste, würde ich nie fertig werden und es gäbe hier nichts zu lesen.

Da ich in der Regel Alben- und Schwerpunkthörer bin, gibt es auch in diesem Artikel deutliche Schwerpunkte, nämlich Krautrock/Electronica und Metal. Aber auch noch ein paar Pop/Rock-Kurzbesprechungen.

Viel Freude damit. Hoffentlich.

I. Krautrock/Electronica (9 Alben)

Ash Ra Tempel: New Age of Yearth (1976, Krautrock/New Age)
Bei Titel und Cover wird einem nichts vorgemacht, da bekommt man, was man erwartet: Das Frühwerk von Manuel Göttsching ist der Soundtrack zur Tasse Bachblütentee mit Gurkenscheiben auf den Augen, träumend von einem Hindu-Tempel.
Proto New Age für Hörer, denen Easy Listening zu hart ist. 5/10

Brian Eno: Apollo (1983, Electronica/Ambient/Space Music)
Schöne NASA-Doku Hintergrundberieselungsmusik, ein Album, das man prima nebenbei hören und dabei von den Sternen träumen kann. 7/10

John Serrie: Thousand Star (2009, Electronica/Ambient/Space Music)
Das Weltall ist weit, John Serries Planetariums-Soundtracks für Sternenträumer (wie mich) genau das richtige. Fast noch eine Spur zu dezent. 7/10

Klaus Schulze: Mirage (1977, Electronica)
Ein Triumph früher Synthesizer-Musik. Richtig gute Musik entführt einen völlig aus dieser Welt, das gelingt Klaus Schulze spielend. Insbesondere das berühmte „Crystal Lake“ ist nahezu hypnotisierend, aus diesen Klangteppichen möchte man gar nicht mehr wieder auftauchen. 9/10

Neu!: Neu! (1971, Krautrock)
Erste Gehversuche mit dem Synthesizer. Heute legendäre Band, die man aber vierzig Jahre später schon im historischen Kontext hören muss. Schräge Tracks mit Tonexperimenten und einige Synthie-Läufe wirken heute alles andere als spektakulär – und technisch dürr.
Spaß macht das Album irgendwie aber heute noch. 6/10

Tangerine Dream: Booster I (2007, Electronica)
Übliche TD-Compilation aus Singles, Tracks früherer Alben (teilweise neu arrangiert) und neuem Material, weswegen man eigentlich bei TD nicht zwischen Studio-, Live- und Compilation-Alben unterscheiden braucht und muss.
Nicht ganz billig, dafür aber eine Doppel CD mit viel Material, die alleine schon wegen der wunderbaren Singles „One Night in Space“ und „Bells of Accra“ lohnt. Aber auch darüber hinaus ist viel Brauchbares dabei. Insgesamt eine starke Scheibe. 8/10

Tangerine Dream: Inferno (2002, Electronica)
Passt das zusammen - Betörende Musik zu Dantes “Göttliche Komödie”? Die Scheibe ist eine Live-Aufnahme aus einer Kirche von TDs Dante-Bearbeitung mit Edgar und Jerome Froese an den Instrumenten und dem betörenden Gesang von Iris Kulterer sowie einem Frauenchor. Doch das passt: Das Album ist tatsächlich betörend schön und einnehmend. Ein Kandidat zum sehr-häufig-hören. 8/10

yelworC: Trinity (2004, Dark Electronic)
Noch eine elektronische Musik-Vertonung von Dantes “Göttliche Komödie”, dieses mal im Dark Electronic-Stil. Gesprochene Sprechpassagen u.a. aus dem Dante-Text gemischt mit düsteren Geräuschen und Klangteppichen. Klingt und ist schlicht hervorragend. 8/10

Tangerine Dream: The Angel of the West Window (2011, Electronica)
Vertonung des Gruselklassikers “Der Engel vom westlichen Fenster“ von Gustav Meyrink. Es würde wohl helfen, wenn man Meyrinks Text kennt und sich vielleicht etwas mehr in das Werk einhören würde. Beim ersten Hören muss man leider sagen: Das klingt alles leider allzu sehr nach Gedudel. Verdient vielleicht noch eine Chance. 5/10

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II. Metal (15 Alben):

Anthrax: Anthrology: No Hit Wonders (1985-1991) 2005
Hoffentlich lesen das keine gewalttätigen Anthrax-Fans: Dieses Best of aus den Jahren 1985-1991 dokumentiert wohl eine Stinkerphase der Band. Bis auf die Beasty Boys-Verkohlung „I’m the Man“ kein einzig brauchbarer Track, mieser Gesang und ätzendes Songwriting nehmen einem auch noch die Freude an manch schönen Thrash-Passagen. 4/10

Anthrax: Worship Music (2011, Thrash Metal)
Direkt nach dem eben erwähnten Best Of gehört, war die Erleichterung groß: Ausgesprochen einfallsreiches, spielfreudiges, abwechslungsreiches und gut hörbares bisher letztes Album von Anthrax. Klarer Höhepunkt: Der Track 7, „In The End“.
Leider etwas lang, die letzten Stücke sind merkliche Filler. 8/10

Blind Guardian: At the Edge of Time (2009, Epic Metal)
Größtenteils ziemlich gelungenes Album mit einigen schönen symphonischen Stücken und mitreißendem Gitarreneinsatz. Macht Lust auf mehr. Vorsicht vor den Bonus-Tracks, ein Guardian-Cover von Farnhams „You’re the Voice“ ist nur was für starke Mägen. 7/10

Helloween: Gambling with the Devil (2007, Power Metal)
Helloween kann es noch: Schnelle, einfallsreiche, gut hörbare Stücke säumen dieses Album. Wenn man mit Power Metal zurecht kommt. 7/10

Helloween: 7 Sinners (2010, Power Metal)
Das letzte Album von Helloween bisher ist leider daneben gegangen, hier sind fast nur lustlose Filler drauf, kein einzig richtig brauchbarer Track. 4/10

Helloween: Unarmed – Best of 25th Anniversary (2010, Unplugged/Symphonic Metal)
Ein Licht, viel Schatten. Das Licht ist eine Orchestersuite mit der „Keeper’s Trilogy“. Das ist ein Traum für Helloween-Fans. Ein Albtraum war dafür die Idee, viele Helloween Highlights als Unplugged Akustik-Versionen einzuspielen. Das klingt so, wie eine Cover-Band von Helloween direkt aus der Hölle, da bekommt man Wut und Ohrenkrebs. Wer mir nicht glaubt, möge mal die Mallorca-Version von „Dr. Stein“ hier probieren. Wirklich grausam.
Wegen der „Keeper’s-Trilogy“ ist die Langspielplatte für Fans trotzdem von Interesse. 4/10

Iced Earth: The Blessed and the Damned (2004, Epic Metal)
Iced Earth ist bisher etwas an mir vorbei gegangen. Das kann man mit diesem Best of ja mal aufholen. Ernüchterndes Resultat: Ist leider nicht das meine, viel hängen geblieben ist nicht. 5/10.

Megadeth: Th1rt3en (2011, Thrash Metal)
Geht doch: Mustaine & co. in Topform. Klassischer Metal, wie er sein muss mit vielen mitreißenden Stücken. Arrangement und Songwriting machen schwer was her. 8/10

Metallica & Lou Reed: Lulu (2011, Art Metal)
Jaja, die Frage ob Lou Reed und Metallica zusammen passen, beschäftigt den Blätterwald im Moment kräftig. Also, kurze Antwort aus dem OliBlog: Nein. Die beiden spielen einfach nebeneinander her. Können aber auch nebeneinander her bestehen. Lou Reeds Sprechgesang mit deutschen Stummfilmzitaten (schließlich geht es um das Wedekind-Stück) ist teilweise durchaus anregend, die Riffs von Metallica hauen teilweise ordentlich rein. Nur die Gesangs-Duos von Reed und Hetfield sind etwas aua. Und das letzte Stück, ein neunzehnminütiges Nichts wohl das, was Helge Schneider immer „Straf-Jazz“ nennt (nein, kein Jazz..). 7/10

Running Wild: 20 Years in History (2003, Heavy Metal)
Als Teenager faszinierte mich die Single “Riding the Storm” von 1989. Diese Wiederentdeckung hätte ich mir aber mal lieber sparen sollen. Schrecklich routiniert runtergeschrammelter, ewig gleichklingender Gitarren-Lärm auf See. Nur „Riding the Storm“ rockt noch das Haus, äh, Schiff mit Totenkopfflagge. 4/10.

Slayer: Reign in Blood (1986, Thrash Metal)
Überall als Klassiker abgefeiert. Zu unrecht. Denn das ist fast noch zu wenig. Nein, die Scheibe ist noch besser: Die gerade mal gut 30 Minuten (schon mit Bonustracks) sind der pure Wahnsinn. Alben, die ein Highlight nach dem anderen bieten sind rar, dieses ist eines davon. Ein Orkan, der da durch Ohren und Hirn bläst. Thrash Metal deluxe Grandios. 10/10

Slayer: World Painted Blood (2009, Thrash Metal)
Etwas langsamer als der Namensvorgänger “Reign in Blood“, dafür musikalisch abwechslungsreicher. Eine durchaus inspirierte Langspielplatte der beliebten Provokateure mit durchaus vielen lieblichen Weisen. 8/10

Sepultura: Kairos (2011, Metal)
Mr. Green ist inzwischen nicht mehr wegzudenken: Kraftvoll gesungenes und gespieltes neues Album der Brasilianer mit vielen Tracks, die gut nach vorne losgehen. 8/10

The Browning: Burn this World (2011, Electrocore/Trancecore)
Mischung aus elektronischen Dance-Beats und Metalcore/Death Metal. Nichts für Puristen beider Lager, für mich die Entdeckung des Jahres 2011. Fast nur Highlights auf der Scheibe. Insbesondere „Standing on the Edge“ und der Titel-Track sind schlicht Wahnsinn. 9/10

The Devil’s Blood: Fire Burning EP (2011, Hard Rock/Metal)
Nicht das neue Album (das heißt „The Thousandfold Epicentre“), sondern eine Demo-EP der Zeitschrift Rock Hard.
Diese satanischen Skandinavier werden im Moment viel von der einschlägigen Presse abgefeiert. Insbesondere von Leuten, die klassischen Hard-Rock vom Ende der 70er mögen. Ich habe diese Musik schon immer wie die Pest gehasst, deshalb ist The Devil’s Blood auch nichts für mich. Das ist eigentlich nicht mal Metal. 3/10


III. Pop/Rock (6 Alben)

David Lynch: Crazy Clown Time (2011, Pop)
Da musste der berühmte Filmregisseur, der gerade wegen seiner Soundtracks als Genie (‚Lost Highway’, anyone?) gilt, erst 65 werden um sein erstes eigenes Album als Musiker vorzulegen. Wer hier nun etwas ganz Abgefahrenes erwartet, der täuscht sich. Im Gegenteil: Das klingt, insbesondere in Instrumentierung und Arrangements, allzu sehr vertraut nach einem typischen Badalamenti-Soundtrack zu einem Lynch-Film, auch wenn der Meister diesmal viel selbst singt bzw. haucht und spricht. Unterm Strich für einen „Debütanten“ erstaunlich stark, vor allem der Opener „Pink Dream“ und das Titelstück (Track Nr. 10) sind Highlights. 7/10

Eminem: Relapse – Refill (2009, Hip Hop/Rap)
Die lange Karrierepause von fünf Jahren zwischen diesem Album und dem entsetzlich missratenen „Encore“ von 2004 hatte Eminem gut getan: Voller Einfallsreichtum und Spielfreude geht dieses Album richtig gut ab. Eminems Sprach- und Rhythmustalent ist wieder voll da, und selbst die Skits sind ausgesprochen originell und lustig („..another album about POOR ME!“).
Ruhig die verlängerte Refill-Version kaufen: Die Bonus-Tracks sind quantitativ fast ein eigenes Album und qualitativ teilweise exzellent (z.B. die Schweigen der Lämmer-Vertonung „Buffalo Bill“). 8/10

Eminem: Recovery (2010, Pop)
Das sollte mal ein Doppelalbum mit „Relapse“ werden? Erstaunlich, ist dieses Album doch stilistisch völlig anders. Die vielen guten Kritiken erstaunen, und Eminem muss wohl langsam mal aufhören, über Pop-Memmen zu singen: Auf diesem Album ist er größtenteils selber eine. Und was für eine Sissy. Fast nur weichgespülter R&B-Pop-Bockmist, Rap & Hiphop kaum vorhanden. Aufgesetzte Street Cred kann nerven - das Gegenteil, also charttaugliche Beliebigkeit funzt bei Eminem aber so gar nicht. Um ein Justin Bieber zu werden, ist Eminem dann doch einfach zu alt. 3/10

Pink Floyd: Wish you were here (1975, Prog Rock)
Remaster des Klassikers von 1975. Nur fünf Tracks, wobei die drei ‚normalen’ Songs nichts Besonderes sind, die Prog Rock-Sinfonie „Shine on you crazy diamond“ in zwei Teilen ist aber ein musikalischer Leckerbissen. 8/10

Pink Floyd: Atom Heart Mother (1970, Prog Rock)
Remaster des Klassikers. Das Cover mit der Kuh, als Kühe noch nicht lila waren. Die ‘normalen’ Rock-Songs und einen Experimental-Track nehmen wir so noch mit, Kauf- und Hörgrund ist aber natürlich die grandiose, fast vierundzwanzigminütige „Atom Heart Mother Suite“, die einen klanglich in eine andere, bessere Welt entführt. 8/10

Dirty Projectors & Björk: Mount Wittenberg Orca (2010, Art Pop)
Die Band Dirty Projectors wollte ein Album über Wale machen und lud dazu Björk ein. Das liegt nahe. Björk singt dann über Wale und Walgesang. Das liegt auch nahe. Bei Björk. Für Björk-Fans (hier!) ein durchaus nettes Kurz-Album für zwischendurch. Letztes Jahr als Download veröffentlicht, vor kurzem „richtig“ erschienen. 7/10


Fortsetzung folgt in ein paar Wochen oder Monaten…vielleicht.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Musik

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Freitag, 25.11.2011

Gesehen: Alle Spielfilme von Darren Aronofsky

Alle? Nein. Den hier fehlenden „The Fountain“ von 2006 hatte ich schon einmal hier gesehen und besprochen. Die mangelnde Begeisterung für dieses verquere Eso-Gedöns ließ mich dann das Werk dieses Regisseurs eine Weile weiter ignorieren.
Die hochinteressante Themenwahl (Filme über Zahlenfetischisten, einen Drogenrausch, Wrestler und Ballerinas) führte dann aber doch irgendwann dazu, dass ich mir die Werke von Darren Aronofsky mal ansehen musste, zumal er kurzfristig (ist passé) als Regisseur eines Robocop-Reboots im Gespräch war und halt letztes Jahr seinen endgültigen Durchbruch mit einem veritablen Blockbuster (Black Swan) feiern konnte.

Hier werden seine weiteren vier Kinowerke besprochen.

π (Pi)
Darren Aronofsky, USA 1998, 83 Minuten
Max Cohen (Sean Gullette) ist ein Zahlentheoretiker und –genie, der die perfekte Theorie für die Börsen entwickelt hat. Vermutlich. Als sich dieses herumspricht, hat er nicht nur ein skrupelloses Börsenhändler-Unternehmen, sondern auch eine Sekte kabbalistischer Fanatiker auf den Fersen..
Der in stark kontrastiertem Schwarzweiß gedrehte Film stellt Aronofskys Spielfilmdebüt dar, und es verwundert nicht, dass der junge Regisseur damit viel Aufmerksamkeit erregte. Einfallsreichtum und Virtuosität, sowie die Energie, die dieser Film ausstrahlt, sind niemals weniger als fesselnd, manchmal sogar atemberaubend. Manche intensive Momente vergisst man nicht so schnell. Nur eine manchmal etwas angestrengte Prätention und das Bedauern des Zuschauers, dass der Film sich in seine zahlentheoretischen Spiele ruhig _noch_ mehr hätte verlieren können, verwehren den Zutritt zu noch höheren Wertungsregionen.
Punkte: 8/10

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Requiem for a Dream
Darren Aronofsky, USA 2000, 101 Minuten
Ein Film über Drogen und ihr Zerstörungspotential: Harry (Jared Leto) bekommt sein Leben nicht in den Griff, während die Drogen ihn und seinen Körper zersetzen, seine Freundin (Jennifer Connelly) geht irgendwann sogar anschaffen um ihre Sucht finanzieren zu können, sein Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) träumt von einem bürgerlichen Leben, das er nie erreichen wird und Harrys Mutter (Ellen Burstyn) erleidet durch eine Tablettensucht Wahnvorstellungen, in deren Zentrum eine schwachsinnige TV-Show steht..
Was als verhältnismäßig handelsübliches Drogen- und Sozialdrama beginnt, steigert sich von Minute zu Minute immer mehr in einen delirierenden Rausch, der schließlich in ein Finale mündet, welches an Intensität in der Filmgeschichte seinesgleichen sucht. Das Vorgesagte ist keinesfalls eine Übertreibung, mark my words!
Ein mutiger Film. Mutig ist nicht das wohlfeile Thema, sondern ein wirklich kompromissloser, dabei bemerkenswert geschickt und gekonnter Einsatz der filmischen Mittel, der die halluzinierende Wirkung des Stoffes von Minute zu Minute verstärkt. Die Exaltiertheit (wie das Maltin-Filmlexikon zurecht bemerkt, dürfte dies der einzige Film überhaupt sein, der einen ‚refrigerator puppeteer‘ im Abspann nennt) hätte auch leicht ins Kunstgewerbliche oder Lächerliche umschlagen können, der Film hält aber auf beeindruckende Weise absolut zielsicher die Balance zwischen drängendem Sozialdrama und wahnwitzigem Stilrausch, so dass man am Ende berührt, deprimiert und gleichzeitig glückstrunken davon ist, was einem Kamera, Montage und Musik um Augen und Ohren gehauen haben. Ein grandioses Werk.
Punkte: 9/10

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The Wrestler
Darren Aronofsky, USA 2008, 109 Minuten
Alternder Wrestling-Star (Mickey Rourke), dessen Karrierehöhepunkt mehrere Jahrzehnte zurück liegt, und der sich nur noch mit Medikamenten und wöchentlichem Zusammenflicken beim Arzt über Wasser halten kann, steht vor den Trümmern seines Lebens, während er besseren Zeiten nachtrauert, die es nie gab. Nicht hilfreich sind darüber hinaus eine entfremdete Tochter, eine komplizierte Liebe zu einer Stripperin und dann auch noch ein Herzinfarkt..
Gäbe es das Wort Paraderolle noch nicht, müsste es für diesen Film erfunden werden, Mickey Rourke passt vom Image (die präzise getimte Kongruenz des Karrierelochs zwischen Filmfigur und Schauspieler ist schon unheimlich), der Statur und seinem immensen schauspielerischen Talent einfach perfekt zu und in „The Wrestler“. Unterstützt wird er dabei von einem wunderbar wahrhaftigen Buch, das hochsensibel viele Momente von berührend- trauriger Schönheit und verblichenem Pseudo-Glanz auf die Leinwand zaubert. Ein besonderes Kleinod ist der Moment, wenn die alternden Wrestler eine Autogrammstunde geben und man die Melancholie des Moments fast körperlich selbst zu spüren vermag. Ein kleines, trauriges, wahrhaftiges, brillant geschriebenes und gespieltes Meisterwerk.
Punkte: 10/10

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Black Swan
Darren Aronofsky, USA 2010, 108 Minuten
Nina (Natalie Portman) eine talentierte Ballerina in einer New Yorker Talentschmiede möchte unbedingt die anstehende Hauptrolle in einer Schwanensee-Produktion ergattern und ertanzen. Dabei muss sie sowohl ihren rücksichtslosen Chef (Vincent Cassal) überzeugen, als auch Kollegin und Konkurrentin Lily (Mila Kunis) in Schach halten.
Dieser Film wurde häufig in einem Zusammenhang mit „The Wrestler“ erwähnt, sozusagen als weibliche Kehrseite eines Berufsdramas mit vielen Untiefen. Dabei liegt das eigentlich nicht nahe, denn die Filme sind schon sehr verschieden. Setzte „The Wrestler“ auf zum schneiden dichten Realismus und Wahrhaftigkeit, ist „Black Swan“ eine ungewöhnliche Mischung aus realistischem psychologischem Drama und Genre-Film mit deutlichen Horror-Elementen und manchmal sogar grellen Ausflügen in den italiensichen Giallo der 70er. Funktionieren beide Elemente für sich durchaus gut und sind mehr als kompetent inszeniert, wollen sie doch nicht richtig zusammen passen: Für ein Psychodrama sind die Horror-Effekte viel zu dick aufgetragen, für einen Horror-Film ist die Inszenierung doch zu gefallssüchtig-kunstgewerblich. Weniger vornehm ausgedrückt: „Black Swan“ kann sich nicht entscheiden, ob er ein Schocker für Spießer oder doch ein Avantgarde-Psychodrama sein will, dem einige Momente zu grell geraten sind. Immerhin: So wie sich der Regisseur in diesen Film stürzt (was durchaus positiv zu würdigen ist), so haben sich auch die beiden Hauptdarstellerinnen kopfüber in ihre Rollen gestürzt und liefern ohne Rücksicht auf Verluste großartige Leistungen, wie auch Vincent Cassel einmal mehr als Schmierlappen. Ein nicht völlig runder, aber interessanter Film. Musste das Milieu nur ausgerechnet das des Balletts sein? Wirklich?
Punkte: 7/10

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Hollywood

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Dienstag, 22.11.2011

Gesehen: L'Inferno

Filmdrama von Guiseppe de Liguoro, Francesco Bertolini & Adolfo Padovan, Italien 1911, 70 Min.
Mit Salvatore Papa, Arturo Pirovano, Augusto Milla u.a.
DVD, Sprache/Ton: Musik-Score DD 2.0, Bildformat: 4:3 Vollbild

Diese Kritik erschien bereits am 7.11.2005 und 17.9.2008 in diesem Blog und wurde diesmal aus Anlass einer kleinen Reihe mit Filmen mit Scores von Tangerine Dream nur geringfügig überarbeitet und angesichts der dritten Sichtung des Films nun ein drittes Mal veröffentlicht - mit der Bitte um Nachsicht fürs Recycling.
Wenn ein literarisches Werk sich für eine Verfilmung anbietet, ja regelrecht danach schreit, dann ist das Dantes 'Göttliche Komödie', jenes um 1320 entstandene italienische Nationalepos, in welchem der Dichter sich selbst auf einer Höllenfahrt beschreibt und dabei auf brillante Weise Religion, Kultur- und Literaturgeschichte verarbeitet und bis heute die Vorstellung des gesamten Abendlandes von der Hölle prägt (mit abnehmender Tendenz natürlich, Bultmann lässt grüßen!). Verfilmt wurde das Werk trotzdem sehr selten; standen dem früher hoher Aufwand und nur schwierig zu realisierende Effekte entgegen, dürfte heute, wo die technischen Möglichkeiten zu einer überzeugenden Visualisierung gegeben sind, sich nicht mehr genug Zuschauer finden um die enormen Kosten zu amortisieren, die ein solcher Film verschlingen würde.
Also muss man häufig sehr weit zurück gehen in der Filmgeschichte, diesmal bis vor den ersten Weltkrieg, und stößt dabei auf eine italienische Großproduktion, damals ein großer Blockbuster, deren Restaurierung und nunmehr leichte Zugänglichkeit im wesentlichen der Tatsache zu verdanken ist, dass Tangerine Dream einen Score dazu eingespielt hat.

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Film: Europa

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Montag, 21.11.2011

Splitter (Film und Buch)

Buch:
Dass ich im Moment so wenig Buchrezensionen schreibe, liegt schlicht daran, dass ich immer noch einen Buchseitenkoloss beackere, nämlich die 1.044 Seiten von Neal Stephensons „Reamde“. Stephenson Leser- und Jünger sind von ihm Stoffe mit großem Abenteueranteil ja durchaus gewohnt, dass „Reamde“ aber im wesentlichen ein reines Spionage-Actionabenteuer ist, damit hatte ich eigentlich nicht unbedingt gerechnet und mir etwas weniger konventionelles erhofft. Nach ¾ der Seiten kann ich sagen: Nett zu lesen, aber nicht gerade herausragend. Nach einigen kleinen Redundanzen scheint Mr. Stephenson bei der ¾-Marke jetzt langsam zum Finale anzusetzen, das Tempo nimmt merklich wieder zu, recht so.
Danach muss ich erstmal für meinen guten Dirk (van den Boom) eine literarische Vorkosterarbeit erledigen, mal sehen, was mich da bei seinem neuen Roman erwartet.
Ansonsten lese ich im Moment noch Walter Isaacsons Biographie von Steve Jobs. Dabei kommt Mr. Apple schon am Anfang als Ekelbrocken so schlecht weg, dass das keine leichte, wenn auch interessante Kost ist. Nichts gegen Bob Dylan, LSD und indische Gurus aus seinen frühen Jahren (da bin ich noch im Moment), aber seine egozentrische Arroganz macht es nicht so ganz einfach Mr. Jobs literarisch auf Schritt und Tritt zu verfolgen.

Film:
Diese Woche möchte ich nun endlich meinen Darren Aronofsky-Sammelartikel online stellen, sowie meine Besprechung von Terrence Malicks „The Tree of Life“.

Nicht näher besprechen werde ich die Prequel-Fortsetzung „Wrong Turn 4“, die mit angezogenem Splatter-Härtegrad und einem schönen Setting in einem verlassenen Sanatorium durchaus zu überzeugen weiß; mies entwickelte und gespielte Charaktere, sowie ein Mangel an Spannung und Humor schöpfen das Potential des Stoffes aber leider nicht aus (6/10 Punkte). Zwar eine klare Steigerung gegenüber Teil 3, aber immer noch weit entfernt von den gloriosen ersten beiden Teilen.

Nach langer Zeit, weil ich ihn fast auswendig kannte, habe ich mal wieder Chaplins „Moderne Zeiten“ (1936) gesehen und war mal wieder hin und weg. Brillante Gags, die durch unzählige Wiederholungen (gegen Chaplin war Kubrick fast ein Waisenknabe!) geschliffene Eleganz sämtlicher Szenen und die pointierten Bildkompositionen lassen mich immer noch in ungebremste Begeisterung ausbrechen. Der Film wird dieses Jahr 75 Jahre alt und wirkt nach wie vor unheimlich frisch, packend und anregend.

Da ihn nun ‚jeder’ und dessen Tante besprochen hat, muss ich auch die zweiteilige Verfilmung des letzten Potter-Romans, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ nicht gesondert besprechen. Was ist dazu zu sagen: Leider manifestieren sich exakt die bereits voraus zu ahnenden Probleme für Film-Teil 1, also eine zu große Episodenhaftigkeit und ein Mangel an Dramatik, das war im Roman nicht anders und ich hatte mir erhofft, dass David Yates das etwas mehr bekämpft. Die Regie versucht dies durch einige spektakuläre FX-Szenen auszugleichen und das Drehbuch verkürzt den Romanstoff eigentlich durchaus gekonnt, trotzdem dürfte dies vielleicht der schwächste Potter-Film sein.
Dafür wird man aber überreich durch den zweiten Teil entschädigt, der sicherlich etwas arg viele Schlachten-Kinobilder aus dem „Herr der Ringe“ entlehnt, aber eine sichere Balance aus bemerkenswert spektakulär inszeniertem Bombast und emotionaler Befriedigung findet. Da ist die Erleichterung einfach groß – das hätte deutlich schlechter kommen können, die zweiten „Heiligtümer“ sind ein mehr als gelungener Abschluss der ganzen Film-Reihe. Sehr nah am Buch, und doch immer die Bedürfnisse eines Kinofilms im Auge. Letztlich hat sich die Aufteilung auf zwei Filme doch gelohnt, denn in der Gesamtschau wird so das laute Finale wie im Buch durch die Gesamtlänge etwas relativiert.
Etwas traurig für die Buchfans: Den tieftraurig-schönen Moment von Dobbys Begräbnis (wird nur gestreift) und den wunderbaren Schlusssatz des Romans (wird evoziert, aber nicht gesprochen) lässt der Film vermissen. (6/10 Punkte für Teil 1, 8/10 Punkte für Teil 2).

Ansonsten habe ich im Moment Lust, mich etwas durch die jüngere Musikgeschichte zu hören und zu lesen. Im Moment bin ich beim Krautrock Anfang der 70er gelandet, also bei vor allem elektronischen deutschen (Rock-)Pionieren wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel und Neu!, solche Musik liegt bei einem Kraftwerk-Fan wie mir durchaus nahe und da kenne ich noch viel zu wenig von, insbesondere Neu! war mir…nein, das Wortspiel ist mir doch zu blöd.
Bei dieser Beschäftigung habe ich erfahren, dass Tangerine Dream, immerhin gegründet 1967, heute aktiver denn je ist und pro Jahr manchmal mehr als ein halbes Dutzend(!) neuer Alben veröffentlicht, insgesamt jetzt schon an die, alles in allem, 200 Scheiben in ihrer langen Karriere. Zwar scheint die Zeit ihrer großen Soundtrack-Aufträge aus Hollywood seit fünfzehn Jahren vorbei zu sein, dass hindert sie aber nicht daran, Album auf Album zu veröffentlichen, meist allerdings nicht über die üblichen Kanäle, sondern selbst auf ihrer Website, hier. Das hat mich auf die Idee gebracht, mal in ihre neuen Alben reinzuhören und vor allem mir mal wieder Filme mit Tangerine Dream-Scores anzusehen, vor allem zwei: Die italienische Dante-Verfilmung „L’Inferno“ von 1911 (der TD-Score ist von um die 2002) , sowie die US-Kinofassung von Ridley Scotts Fantasy-Epos „Legende“ von 1985 mit Tom Cruise. Hier hat nur die US-Kinofassung einen Tangerine Dream-Score, die Europa-DVD und der auch in den USA erhältliche Director’s Cut weisen einen anderen Score von Jerry Goldsmith auf.

Filmisch stehen die nächsten Tage noch die neuen Werke der Herren Tavernier, Innaritu und Abrams an, sowie das Conan-Remake und nach einem Vierteljahrhundert mal wieder Giorgio Moroders „Metropolis“ von 1984, also Fritz Langs Werk von 1927 eingefärbt, gekürzt und mit damals moderner Popmusik versehen. Letzteres klingt grausam, war aber ein ganz eigenes, tolles Kunstwerk und sollte -Gott bewahre- den Lang-Film ja nicht ersetzen. Zumindest meine Erinnerung gaukelt mir noch einen tollen Film vor. Die allererste DVD-Veröffentlichung des Films überhaupt diese Tage in den USA macht eine Wiederbegegnung möglich. Hoffentlich trügt die Erinnerung nicht!

Geschrieben von Oliver unter dem Permalink in Intern

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